Bild der Mauer (Quelle: rbb)

- Ausstellung und Buch: 'Inventarisierung der Macht'

In der DDR war es verboten, die Mauer zu fotografieren, also von Ost nach West. Durch Zufall entdeckte der Fotograf Arwed Messmer Anfang der 90er Jahre in einem Potsdamer Militärarchiv hunderte von Bildern, die DDR Grenzer 1966 offiziell von der Mauer gemacht hatten und die nie zu sehen waren. Zusammen mit der Schriftstellerin Annett Gröschner hat er die Fotos zu Panoramen zusammengesetzt und beschriftet.

Im Sommer 1965 sorgt eine ungewöhnliche Fluchtgeschichte für Schlagzeilen. Vom Dach des heutigen Finanzministeriums, nur wenige Meter von der Mauer entfernt, seilt sich eine dreiköpfige Familie in den Westen ab. Sie haben sich auf einer Toilette versteckt und gewartet bis es dunkel wurde. Kurz nach Mitternacht starten sie ihre Reise mit der Seilbahn in das neue Leben. Die meisten Fluchten verliefen unspektakulärer. Mit Leitern oder Spaten, nach zwei Schnaps und vier Bier versuchten die Leute die Mauer zu überwinden. Tatortfotos aus dem Archiv der DDR-Grenztruppen zeigen die Requisiten dieser Grenzdurchbrüche.

Der Fotograf Arwed Messmer und die Schriftstellerin Annett Gröschner entdecken die Aufnahmen bei Recherchen im Militärischen Zwischenarchiv Potsdam. Ein Pappkarton voller Kleinbild-Filme mit Aufnahmen der Mauer. Abgestellt und vergessen.

Arwed Messmer, Fotograf
"Das war eine interne Fotodokumentation, die den Ingenieuren, die die Grenze verbessern sollten, dienen sollte. Es war eine permanente Baustelle, man hat immer versucht, zu perfektionieren, das war die Vorlage, die pioniertechnischen Anlagen zu verfeinern und die Grenze undurchlässiger zu machen."


Annett Gröschner, Autorin
"Und eigentlich sollte es auch längst vernichtet sein, stand immer vorne auf den Akten drauf, wann sie endlich vernichtet werden sollen. Und sie sind einfach nicht vernichtet worden."


Die Fotos aus den 60er Jahren zeigen die 164 Kilometer langen Sperranlagen: Zum ersten Mal sieht man von Osten auf die Mauer in Richtung Westen, fotografiert von Grenzsoldaten. Jahrelang arbeiten sich Arwed Messmer und Annett Gröschner durch Negative und Akten. Ihre Ausstellung ist ein Blick auf eine vergessene Zeit.

Arwed Messmer, Fotograf
"Natürlich muss man nicht jedes einzelne Bild angucken. Man muss auch bei den Panoramen nicht jedes einzelne angucken. Darum geht’s nicht. Aber ich glaube, wenn man über 1.000 Fotos der Grenze durchgeguckt hat, dann hat man mehr von der Mauer verstanden als bei einem Seminar bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Es ist eine physische Erfahrung und verliert diese Abstraktion."

Mehr als 1.000 Panoramen hat Arwed Messmer aus Einzelbildern digital rekonstruiert, Annett Gröschner die Bildunterschriften dazu gefunden. Es sind über die Mauer gerufene Sätze. Aufforderungen an die Soldaten rüberzukommen oder die laut geäußerte Hoffnung eines jungen Westberliners: "Hoffentlich hört die Scheiße bald auf, dann sind wir wieder gute Kumpel." Der Kumpel hat's weisungsgemäß ins sogenannte Führungsbuch geschrieben.    

Annett Gröschner, Autorin
"Wenn jemand einen Mauerkoller kriegte, sind viele eben an die Mauer und haben einfach geschimpft. Und dann wurde das aufgeschrieben. Oder junge Paare, die kein eigenes Zimmer hatten, die im Tiergarten beobachtet worden sind, wie sie auf dem Boden lagen und „sexuelle Handlungen“ vornahmen, wie es immer so schön hieß. Das wurde dann manchmal auch fotografiert. Aber interessanterweise sind diese Fotos nicht mehr in den Akten. Die hat sich dann wahrscheinlich jemand in den Spind gehängt."


Die Grenzer waren junge Kerle. 18, 19-Jährige aus der Provinz, die plötzlich an der Berliner Mauer ihren Wehrdienst schieben mussten und selten damit klar kamen. Wer beim Rumpfbeugen versagte, wurde getadelt, wer mit seinem Hund einen Grenzdurchbruch verhinderte gelobt. Die Textcollagen der Protokolle vermitteln ein eindrückliches Bild vom Alltag an der Mauer und vom Einfallsreichtum derer, die abhauen wollten.

Annett Gröschner, Autorin
"Die haben die wunderbarsten Ausreden gefunden, warum sie sich jetzt im Grenzgebiet befinden. Und das ist eben minutiös aufgeschrieben worden. Dann steht eben da: 'Er wollte mit 500 Mark im Grenzgebiet spazieren gehen' oder 'Er kommt aus Sachsen und wollte gucken, wie die Mauer aussieht.'"


Das Ausstellungs- und Buchprojekt "Inventarisierung der Macht – Die Berliner Mauer aus anderer Sicht" ist ein Langzeitprojekt des Ost-West- Duos Annett Gröschner und Arwed Messmer. Vor fünf Jahren präsentierten sie zum ersten Mal die Mauer aus der unbekannten Perspektive der Grenzer. Als später neue Dokumente auftauchten, haben sie ihre Arbeit fortgesetzt.

Annett Gröschner, Autorin
"Für mich war eigentlich die größte Befreiung nach 1989, dass ich ins Archiv gehen konnte. Und dass ich gucken konnte, was ist eigentlich hinter meinem Rücken passiert. Das Tolle an Archiven ist, dass sie nur äußerlich grau und bürokratisch sind. Und drinnen, in jeder Akte steckt so wahnsinnig viel Leben. Und was für mich wichtig war ist, dieses Leben aus den Akten herauszuholen."


Eigentlich glaubt man die Mauer und ihre Geschichte nach 55 Jahren und einer unendlichen Bilderflut ganz gut zu kennen. Sieht man die beeindruckenden Panoramen Arwed Messners, liest man die Texte Annett Gröschners, weiß man, dass es nicht so ist. Die Ausstellung nimmt uns mit in die Vergangenheit.

Autorin: Gabi Denecke

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