Der britische Blick - Ausstellung im Martin-Gropius-Bau (Quelle: rbb)
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Ausstellung im Martin-Gropius-Bau - 'Der britische Blick'

Neil McGregors hochgelobte Ausstellung über Deutschland kommt vom British Museum ab dem 7. Oktober in den Martin-Gropius-Bau. Anhand von Bildern, Alltagsgegenständen und Objekten erzählt diese Ausstellung von den Deutschen und ihrem Verhältnis zur eigenen Vergangenheit. Stilbruch besucht mit dem Berliner Briten und Comedy-Autor Adam Fletcher die Ausstellung, der seinen ganz eigenen Blick auf deutsche Eigenheiten mitbringt. 

Dunkle Tannen werben für die Ausstellung "Der britische Blick". Wir wollen sie uns mit Adam Fletcher anschauen, dem Blogger und Comedian. Doch zuvor machen wir einen Abstecher zum DDR-Wachturm in der Nähe. Als Adam geboren wurde, 1987 in Cambridge, war er noch in Betrieb und das deutsche Image ein einziger "Sauerkrautschrotthaufen". Alte Vorurteile wurden gepflegt wie gewisse Teerituale. Damals war es einfach unvorstellbar, dass er mal richtig gern in Deutschland leben würde.

Adam Fletcher, Blogger und Comedian
"Als ich aufgewachsen bin, wir haben wirklich nur über die Deutschen gelernt oder gesprochen in Verbindung zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, Mauerfall, Stasi, Nazis. Immer nur die zu dunklen Seiten der deutschen Geschichte; und das war für mich immer sehr traurig. Und ich freu mich sehr, dass jetzt der Ruf der Deutschen sich so verbessert hat."

Mit britischen Blick beobachtet er die deutschen Eigenarten – und natürlich hat auch er Lieblingsobjekte, die er in die Ausstellung über die Deutschen schmuggeln würde.

Adam Fletcher
"Ich hab zwei Sachen mitgebracht, die für mich besonders deutsch sind: Die erste ist Apfelsaftschorle. Was ich sehr lustig finde: Die Deutschen haben keine Ahnung, dass es sehr, sehr deutsch ist. Der Ruf der Deutschen ist, dass sie sehr viel Bier trinken. Aber ich finde, dass Apfelsaftschorle das nationale Getränk ist. Und ich habe auch mitgebracht: typisch deutschen Senf. Die Deutschen sind sehr ehrlich, sehr direkt und wollen zu allem ihren Senf dazugeben. Ihren Meinungssenf."

Das sind nur zwei der Erkenntnisse, die er in seinen acht Jahren hier in Deutschland gewonnen hat. Leicht, liebevoll und lustig beschreibt er unsere Sitten und Spleens in seinen Bestsellern. Ihn wundert beispielsweise, dass wir zwar den Männertag rauschend feiern, nicht aber den Tag der Einheit. Um dieses lädierte Nationalgefühl geht es auch in der Ausstellung. Das Bild von Georg Baselitz bringt es für Adam auf den Punkt: ein gerupfter, kopfüber hängender Adler.

Adam Fletcher
"Es berührt mich ein bisschen, das ist ein sehr schönes Bild – das erinnert mich daran, wie kompliziert diese Beziehung ist zwischen Deutschland und Patriotismus. Aber ich glaube dieser Komplex, den die Deutschen haben, mit ihrer Vergangenheit, ist in jüngeren Generationen schon vorbei."

Adam Fletcher findet es gut so: Die Deutschen dürften ruhig ein bisschen netter zu sich sein, so viel Tolles – das zeige auch die Ausstellung – haben sie erfunden. Den passenden Slogan kannte er schon als Kind: "Vorsprung durch Technik."  Ja, ja: Die Deutschen und ihre Autos. Dass die Beziehung inniger ist, als das Klischee vermuten lässt, weiß Adam inzwischen aus eigener Erfahrung.

Adam Fletcher
"Als ich meine letzte Freundin kennengelernt habe, hat sie mich ihren Eltern vorgestellt, und die erste Frage ihres Vaters war: "Und was für ein Auto fährt er?" Und sie hat dann gesagt: "Er hat kein Auto, er fährt Fahrrad." Und für mich war ganz klar, dass ich seinen Respekt sofort verloren hatte, weil ich kein Auto hatte."

Solche Erinnerungen und Gefühle weckte die Ausstellung 2014 bereits in London, im Britischen Museum. Die Ausstellung wurde zum Überraschungscoup des Direktors Neil MacGregor. Ihr verdankt er seine Berufung zum Intendanten des Humboldforums. Dabei war die Idee ganz einfach.

Neil MacGregor, Direktor Britisches Museum (2014)
"I want the britisch viewer to come and understand… A point the British Museum wants to understand is to understand the world. And if you want to understand the world you have to understand Germany."
Übersetzung
"Ich möchte, dass die Briten verstehen, wie komplex die deutsche Geschichte ist. Wir schauen hier auf 500 Jahre zurück, auf große Leistungen und auch darauf, wie Deutschland sich mit seiner schmerzhaften Geschichte auseinandersetzt. Wir versuchen hier, die Welt zu erklären und wenn du heute die Welt verstehen willst, musst du Deutschland verstehen."

Große Worte! Anhand einzelner Objekte wird die komplexe deutsche Geschichte erzählt, vom Terror des Nationalsozialismus, von verstecktem Widerstand, von Mut und auch von der Trauer um die Toten. Erst wer weiter zurückblickt, entdeckt, wie Adam Fletcher, auch andere, komische Aspekte: beispielsweise dieses Schwein von 1605, wer ihm den Kopf abdreht, hat einen Trinkkelch in der Hand.

Adam Fletcher
"Ich glaube, es ist ein Zeichen, dass die Deutschen immer einen sehr guten Sinn für Humor hatten. Ich weiß, dass ihr die ganzen Prosting-Rituale sehr, sehr ernst nehmt, ich finde die Vorstellung lustig, dass ein ganzer Kreis eine so wie diese hat, und dann zuprosten, das finde ich sehr lustig."


Natürlich haben wir Adam Fletcher auch nach dem Brexit gefragt, aber für ihn ändert sich dadurch nichts am "Britischen Blick" auf die Deutschen.

Autorin: Petra Dorrmann

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