Hanns Martin Schleyer (c) dpa

- Butz Peters: '1977: RAF gegen Bundesrepublik'

Die Rote Armee Fraktion machte 1977 zu einem Terrorjahr für die Bundesrepublik. Der Journalist und RAF-Experte Butz Peters beschreibt dieses Schicksalsjahr in einem neuen Buch und erklärt, warum die Folgen 40 Jahre später immer noch zu spüren sind. (Das Video zum Beitrag ist aus lizenzrechtlichen Gründen nicht verfügbar)

Am 7. April 1977 ermordete die RAF Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter. Buback war der oberste "Terroristenjäger", Todfeind von Andreas Baader. Die erste Garde der RAF saß da schon drei Jahre in Stammheim ein. Es war der Auftakt des Terrorjahres 1977. Gefangenenbefreiung war das Projekt, Codewort: "Big Raushole".

Butz Peters, RAF-Experte
"'Big Raushole' war der Schlüsselbegriff. Das war das Ziel der RAF im Jahr 1977: Andreas Baader und die anderen Häftlinge zu befreien. Also, so konnte man schon ablesen, worauf die ganze Geschichte hinauslaufen wird und es war auch abzulesen, dass halt vorher der Staat weich geklopft werden sollte."

Der Jurist und RAF-Experte Butz Peters konzentriert sich in seinem neuen Buch ganz auf die sogennannte "Offensive 77". Der geballte Angriff. Zwei Jahre hat er recherchiert, über eine Million Seiten gesichtet - nie war die Erkenntnislage so gut. Es ist eine Art Abschlussbericht.

Butz Peters, RAF-Experte
"Die juristische Aufbereitung des RAF Jahres 1977 ist bis heute nicht abgeschlossen. Daneben hat es in den vergangenen fünf Jahren ein Dutzend Ermittlungs- und Gerichtsverfahren gegeben. Zum Beispiel das Verfahren gegen Verena Becker 2012. Und das hat sehr wichtige Erkenntnisse gebracht über die Entstehung dieser 77er Formation, die Vorgeschichte, die in einem Palästinenserlager sich im Sommer 1976 zugetragen hat."

So beginnt der "Deutsche Herbst" in einem Terrorcamp im Jemen. Dort ensteht die Idee zur Gefangenenbefreiung von Baader, Ensslin und Co. An der Spitze der zweiten Generation: Verena Becker und Siegfried Haag.

Ein Jahr zuvor: Verena Becker wird mit sechs anderen Terroristen freigepresst und in den Jemen ausgeflogen. Es ist der spektakuläre Austausch für den von der "Bewegung 2.Juni" entführten Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz.

Im Jemen trifft Verena Becker auf den Anführer der neuen RAF-Generation Siegfried Haag, ehemaliger Anwalt von Andreas Baader. Er war untergetaucht, weil er seine Verhaftung befürchtete. Im Sommer 1976 überlegt man nun, wie man die "Stammheimer" freipressen könnte.

Und im Hintergrund wirken an dem Projekt indirekt auch die Anwälte der in Stammheim inhaftierten - wie Klaus Croissant und Hans-Christian Ströbele - mit.

Butz Peters, RAF-Experte
"Der Punkt ist, dass die Anwälte ja die Folterkomitees brieften. Also, es war ein Gedanke von Baader und Meinhof, die sich als Gefolterte ausgegeben haben, behauptet haben sie würden gefoltert. Und dass sich dann draußen Folterkomitees in der Bundesrepublik bildeten, und da kamen dann halt die Anwälte und erzählten, wie schlimm die Häftlinge in den Haftanstalten gefoltert würden."


Diese Behauptung: schlicht eine Propaganda-Lüge. Es kursieren eine Reihe von Verschwörungstheorien. Butz Peters empfindet die Mär von der "Isolationsfolter" als besonders bedrückend. Und tatsächlich war so mancher Anwalt damals schon Falschmeldungen streuend postfaktisch unterwegs.

Am 30.07.1977 wird Jürgen Ponto, der Vorstandsprecher der Dresdner Bank bei einem Entführungsversuch von Mitgliedern der RAF kurzerhand erschossen. Susanne Albrecht, Tochter eines Freundes, führt die Gruppe ins Haus. Auch sie stößt über die Anti-Folter-Komitees zur RAF. Und die RAF nimmt schon das nächste Opfer ins Visier.

Butz Peters, RAF-Experte

"Man wusste nach dem Ponto Tod, Schleyer ist sehr gefährdet. Es gab in den Haag-Mayer-Papieren die Formulierung 'HM auschecken', also Hans Martin Schleyer auschecken. Und es gab noch andere Anhaltspunkte, die alle auf Schleyer hindeuteten, und er war ja damals auch aus Sicht der RAF so etwas wie der Frankenstein des Spätkapitalismus."


Die Ereignisse überschlagen sich. Am 5. September 1977 wird der Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer entführt. Der Staat wird erpresst, die Entführer fordern die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern. Die Devise von Bundeskanzler Helmut Schmidt: es wird unter keinen Umständen ausgetauscht.

Am 13.Oktober 1977 dann der Höhepunkt des deutschen Herbsts. Die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu. Der Druck auf Kanzler Schmidt sollte so stark werden, dass er nachgibt. Stattdessen befreite die GSG9 alle Geiseln und die RAF verspielte die letzten Sympathien in ihrem Umfeld. Es folgte die "Todesnacht" von Stammheim. Der Selbstmord von Baader, Ensslin und Raspe.    

Butz Peters, RAF-Experte
"Im Vergleich zu heute war 1977 der Terror noch überschaubar. Es gab eine bestimmte Gruppe, es waren nicht mal zwei Dutzend Personen im gesamten Jahr 1977. Heute weiß man gar nicht, wer alles hinter dem IS steckt. Es ist ja, etwas überspitzt könnte man sagen, was der IS heute macht ist das, wovon Baader und Ensslin immer geträumt haben, nämlich eine Massenbewegung."

Und vielleicht ist dies nicht mal eine steile These. Butz Peters Chronik rekapituliert umfangreich und stark in den Details noch einmal den Terror, der das Land vor 40 Jahren in Atem hielt.


Autor: Sascha Hilpert

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