- Fake News

Die Debatte um sogenannte Fake News hat in den vergangenen Wochen Fahrt aufgenommen - nicht umsonst wurde "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016 gewählt. In Berlin haben sich Aktivisten zusammen gefunden, um gegen Fake News anzugehen.

Anas Modamani wollte doch nur ein Selfie mit der Kanzlerin machen. Er postete das Foto auf Facebook. Danach bricht für ihn die Hölle los. Seit über einem Jahr wird das Bild missbraucht: der Flüchtling aus Syrien, der mittlerweile in Berlin lebt, wird als Terrorist und Gewalttäter verleumdet.

Anas Modamani
"Ich bin sehr, sehr sauer auf Facebook, sie haben mein Foto schon benutzt und nicht gelöscht, ich habe jetzt keine Lust mich für eine Arbeit zu bewerben, die Leute kennen mich - Anas Modamani einfach so, und das macht mich sauer, wenn ich jetzt auf der Straße laufe, ich benutze einen Schal, ich möchte das nicht, aber man muss ein bisschen in Sicherheit bleiben."

Ein besonders krasser Fall von Fake News, die sich im internet unaufhaltsam verbreitet.

Aggressive Hetzte und Falschnachrichten in sozialen Netzwerken nehmen zu. Das geht uns alle an, sagt Christof Fischoeder von der Aktivisten-Plattform "Schmalbart".

Christof Fischoeder, Mitbegründer von "Schmalbart"
"Wir sind alle zum Sender von News, von Information geworden, und uns geht sozusagen die Quellensicherheit verloren, das heißt wir wissen nicht mehr zu beurteilen, ist das nun Meinung, ist das Analyse, ist das ein Fakt - oder wenn viele meiner Freunde das behaupten, dann muss das schon stimmen, dann sage ich einfach: ja, ich finde, das ist in Ordnung. Das heißt, da ist etwas verschoben worden."

Fake-News und tendenziöser Berichterstattung will die Plattform Schmalbart mit Informationen und Fakten begegnen. "Schmalbart" als Gegenentwurf zum rechtspopulistischen Internetportal "Breitbart News". Dessen Betreiber war bis August 2016 Steve Bannon, der heutige Chefstratege von Donald Trump. Schmalbart will uns azu bringen, Debatten im Internet nicht denjenigen zu überlassen, die am lautesten schreien.

Christof Fischoeder, Mitbegründer von "Schmalbart"
"Erklärtes Ziel ist es die Mitte zu gewinnen und den Menschen zu vermitteln, dass es neben den populistischen Argumentationswegen eben auch noch positiv gewandte andere gibt. Dafür haben wir zum Beispiel so etwas wie einen Faktencheck."


Sind die Quellen denen wir vertrauen zuverlässig? Schmalbart will überprüfbare Fakten leicht zugänglich machen, gerade in einem Netzwerk wie Facebook.

Christof Fischoeder, Mitbegründer von "Schmalbart" 
"Ein anderer ist zum Beispiel sichtbar machen über Social Media Monitoring: Welche Debatten werden gerade geführt und wo liegen die Hauptargumente."


Die Netzaktivisten wollen dafür sorgen, dass die Meinungsvielfalt wieder sichtbar wird. Die Algorithmen, besonders in den sozialen Netzwerken, sorgen im Augenblick dafür, dass wir nur zu sehen bekommen, was wir sehen wollen. Wir befinden uns in einer Echokammer.

Und da müssen wir raus, andere Meinungen, andere Argumente wieder hören und zulassen - fordert auch die Kommunikationswissenschaftlerin Tong Jin Smith. Mit ihren Studenten an der Freien Universität forscht sie zu der Frage, was man dem Netz-Populismus entgegensetzen kann. Sind Plattformen wie Schmalbart eine Lösung?

Tong Jin Smith, Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften
"Also, ich finde die Idee grundsätzlich sehr interessant, ich finde es vor allem interessant, weil es aus der Zivilgesellschaft heraus kommt. Man merkt auch, dass in der Gesellschaft zumindest eine gewisse kritische Masse da ist, die sagt, wir müssen uns auch irgendwie organisieren."

Im Justiz- und Innenministerum diskutiert man darüber, wie ein Abwehrzentrum gegen Desinformation aussehen könnte. Damit will man gezielt gegen Falschmeldungen vorgehen, die das politische Meinungsbild beeinflussen. Unterstellt wäre das Zentrum der Bundesregierung.

Tong Jin Smith, Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften
"Ich weiß nicht, ob ich eine staatliche Kontrollinstanz besonders sinnvoll finde, gerade wenn es doch eigentlich darum geht, dass der Staat oftmals doch derjenige ist, der kontrolliert werden soll. Da beißt sich so ein bisschen die Katze in den Schwanz. Man sagt ja immer die Medien seien die vierte Gewalt im Staat, und jetzt kommt der Staat und kontrolliert die Medien. Irgendwie kommt das für mich nicht wirklich richtig zusammen."

Anas Modamani wehrt sich jetzt rechtlich gegen die Verleumdung im Internet. Anfang Februar wird sein Gerichtsverfahren gegen Facebook beginnen. Er hofft, dass sein Foto dann endlich gelöscht wird.

Anas Modamani

"Die Leute haben einfach mein Foto benutzt, aber das bin nicht ich. Ich glaube, sie möchten ein schlechtes Bild von Frau Angela Merkel machen, aber nicht über mich. Ich habe nix gemacht."

Ein Netzwerk wie Schmalbart hätte das Problem von Anas Modamani vielleicht erst gar nicht so groß werden lassen. Es könnte ein Anfang sein - für einen anderen Umgang, eine neue Diskussionskultur im Netz.


Autorin: Bettina Lehnert

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