Peter Walther: Hans Fallada; Montage: rbb
Bild: Aufbau Verlag

- Buch: 'Hans Fallada: Die Biographie'

Unter dem Titel "Alone in Berlin" wurde Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" zum weltweiten Bestseller. Jetzt erscheint eine neue Biografie über den Berliner Schriftsteller, der am 5. Februar seinen 70. Todestag hat.

Am Ende ist er so kaputt wie die Stadt, in die er zurückkehrt. Berlin, September '45.
Hans Fallada, der große Schriftsteller: Ein Morphinist, alkohol- und tablettensüchtig. Seinen letzten Zusammenbruch hat er gerade überstanden, jetzt will er neu anfangen. Er hat eine neue Frau, die viel jünger ist als er, und genauso süchtig. Und er schreibt – das ist seine andere Sucht: "Alles in meinem Leben endet in einem Buch", sagt er, und hämmert zwei Romane in die Tasten.

Peter Walther, Autor
Schreiben ist bei ihm ein Naturereignis, es sammelt sich einfach an, in ihm, und es muss irgendwann raus und es ist manchmal sogar so, dass er nicht hinterherkommt, dass er Schreibkrämpfe bekommt. Und so hetzt er sich in eine Art Schreibrausch hinein und während dieser Zeit ist er wirklich frei, und braucht keine anderen Rauschmittel. Nur, wenn das vorbei ist, dann kommt eben das, was er ein bisschen beschönigend beschreibt als: Ich bin mal wieder zusammengeklappt.

Fallada – ein Leben zwischen Ruhm, Rausch und Depression. In seiner Biografie sucht Peter Walther nach den Dämonen, die ihn bedrängten. Mehr als 8.000 Briefe hat er gesichtet, neu entdeckte Krankenakten, Selbstzeugnisse. Den Schlüssel zum Verständnis dieses Mannes findet er in der Jugend: Da ist ein verschlossener Junge aus gutem Hause, der sich in die Künstler-Pose flüchtet. In der Schule wird er gehänselt, zu Hause schreibt er Gedichte, die mit Selbstmord enden.

Mit 17 will er sterben, verabredet sich mit seinem besten Freund zum Doppel-Selbstmord. In einem Scheinduell erschießt er den Freund, doch er selbst überlebt schwer verletzt. Seine Eltern lassen ihn für "geisteskrank" erklären, so kommt er in eine Klinik statt ins Gefängnis. Doch das Trauma bleibt.

Peter Walther
In diesem Lebenslauf, der sehr spät erst aufgetaucht ist, den er 1912 geschrieben hat, in Jena, in der Psychiatrie, gibt es eine schöne Passage, wo er sagt: Er konnte nie mit anderen über seine Gefühle reden, immer nur darüber schreiben.

Schreiben befreit ihn, das soll sein Beruf sein. Doch Eltern und Ärzte verordnen körperliche Arbeit: Er macht eine Lehre als Landwirt, arbeitet später als Anzeigenwerber, Buchhalter, Lokalreporter. Schon jetzt kämpft er mit seiner Morphiumsucht, ist ständig pleite. Er unterschlägt Geld, fliegt auf, landet im Gefängnis. Und er schreibt: 1931 der Durchbruch: "Kleiner Mann – was nun?". Ein Buch über ein kleines Angestelltenleben, eines wie seins. Das "Lämmchen" darin – seine Frau: Suse. In Falladas Büchern zappelt das Leben, schreibt Robert Musil.

Peter Walther
Er ist der Prototyp eines Schriftstellers, der nicht erfindet, sondern findet. Alles das, was er erlebt hat, in diesem verrückten Leben, in Gefängnissen und in Kliniken bekommt man in diesen Büchern vorgestellt. Und es gibt so eine schönen Satz von ihm: Jeder hat eine faule Stelle.

Fallada macht seine Abgründe zu Geschichten. Den Nazis, die gerade an die Macht kommen, ist er, der Star-Schriftsteller der Weimarer Republik mit seiner Drogen- und Psychiatrie-Vergangenheit, suspekt. Fallada wird denunziert, bedroht, zieht sich zurück aufs Land. Er will "die Welt draußen lassen" - doch er will auch schreiben. Ein ständiger Spagat zwischen Anpassung und Verweigerung. Die Abstürze, Depressionen holen ihn ein. Immer wieder überlegen Suse und er, ins Ausland zu gehen.

Anna "Suse" Ditzen, 1965
Aber dann kam er eines Tages ganz verzweifelt zu mir und sagte, weißt du, ich kann nicht aus Deutschland weg, ich kann nur in deutscher Sprache schreiben, und ... was soll ich in einem fremden Land. Und so blieben wir dann wieder in Deutschland. Er wich dann auf Unterhaltungsromane aus, schrieb ziemlich viel, auch um sich zu betäuben.

Peter Walther
Er hat sich zu Sachen hinreißen lassen, die er später bereut hat. Zum Beispiel gibt es –also, es gibt ihn nicht mehr, weil er vernichtet wurde – aber es gab einen antisemitischen Roman, den er geschrieben hat, in einer Zeit als er auch die Funktion hatte, seine Person zu schützen, zum Kriegsende hin.   

Fallada hält seine Auftraggeber vom Propagandaministerium hin, bis der Krieg vorbei ist. Doch die Kompromisse, die er gemacht hat, verzeiht er sich nicht. Packend und ungeheuer detailreich erzählt Peter Walther vom Kampf eines Mannes mit sich selbst. Zum Schluss, in Berlin, haben die Drogen längst sein Leben gekapert. In den wenigen Wachphasen schreibt er wie besessen: 600 Seiten in vier Wochen. Sein letzter Roman: "Jeder stirbt für sich allein". Dann besorgt Ulla, seine neue Frau, neues Morphium.

Peter Walther
Wenn der ein Buch fertig hatte, dann kam sie nach Hause und sagte: 'Hier zur Belohnung bring ich dir 5 Milliliter, die teilen wir uns', und dann haben sie erstmal gespritzt.
Er versuchte sich davon freizumachen, aber diese Kraft hatte er nicht.

Am 5. Februar 1947 stirbt Hans Fallada. 70 Jahre ist das jetzt her. Doch seine Bücher liest man noch heute.

Autor: Tim Evers

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