Jonathan Safran Foer zu Gast bei radioeins © radioeins/Thomas Ernst
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- Jonathan Safran Foer in Berlin

Für welche Werte stehen wir, was ist unsere Identität? Einer, der diese Frage in seinen Romanen immer schon behandelt, ist Jonathan Safran Foer. Er ist einer der liberalen, politischen Autoren, der die Debatte in Amerika mitbestimmt. Andreas Lueg hat ihn während seiner Lesereise in Berlin getroffen.

Hier bin ich: Jonathan Safran Foer kommt, um aus seinem neuen Buch zu lesen. Hier bin ich, so heißt er, der dritte Roman des literarischen Wunderknaben aus Amerika: Foer, in Berlin bejubelt wie ein Rockstar.

Hier bin ich: Auch ein Auftritt, und was für einer. Was denkt Jonathan Safran Foer, der Amerikaner, zum  Thema, das gerade alle im Saal bewegt? Über Donald Trump, der die amerikanischen Werte durch den Wolf dreht - 18  Dekrete in acht Tagen.

Jonathan Safran Foer, Schriftsteller (Übersetzung)
Es geht alles rasend schnell, schneller als irgend jemand gedacht hätte. Aber gleichzeitig trifft Trump ganz offensichtlich auf mehr Widerstand, als ER gedacht hätte. Es wird es schwer haben. Aber erstmal kann er natürlich verdammt viel anrichten, das WIR nicht wollen
.

Um Gefahr und Entscheidung geht es auch im neuen Roman. Er spielt im Milieu der amerikanisch-jüdischen Mittelschicht  – die Welt, in der auch er, Jonathan Safran Foer zuhause ist.

Die Hauptfiguren, Julia und Jacob mit ihren drei Kindern. Ein Idyll – oder doch nicht? Die Ehe, durch Gewöhnung  verschlissen, steht auf der Kippe. Jacob schreibt Porno-SMS an eine andere  – und weit entfernt in Israel kocht ein apokalyptischer Konflikt hoch.  

Jonathan Safran Foer
Es gibt zwei verhängnisvolle Ereignisse in diesem Buch. Das eine ist die Entdeckung eines Smartphones mit SMS. Mit  Sachen drauf, die deine Ehefrau keinesfalls lesen sollte.
Und das andere ist ein verheerendes Erdbeben in Israel, das die arabische Welt für einen Krieg gegen Israel nutzt. So schlimm, dass der israelische Ministerpräsident die Juden in aller Welt nach Hause ruft, um für Israel zu kämpfen.

Dramatischer Tobak auf 700 Seiten. Foer verhandelt große Themen: Liebe und Krieg. Aber auch: Was ist Identität? Wer sind wir, wo ist Zuhause, für welche Werte muss man kämpfen? Im Privaten wie im Gesellschaftlichen - und erst recht in Trumps Amerika?

Jonathan Safran Foer
Ich würde nie sagen, es ist richtig oder es ist falsch, Israel in einem Krieg zu verteidigen. Es gibt keine einfache Antwort. Auch nicht auf die Frage, die Amerikaner wie ich sich jetzt stellen: Was ist amerikanische Identität ist, und müssen wir Amerika unter Trump nicht gegen sich selbst verteidigen?

Jonathan Safran Foer erwarb sich seinen Weltruhm gleich mit dem ersten Buch: "Alles ist erleuchtet".  Darin beschreibt er die Reise eines jungen jüdischen Amerikaners in die Ukraine, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln:  Familien - und Weltgeschichte, Tragik und Komik, mitreißend erzählt.

"Hier bin ich", der neue Roman wäre etwas kürzer vielleicht noch besser. Aber wie  Foer den Zerfall einer Ehe beschreibt, das ist bewegend - und wie die Suche nach der inneren Heimat kein Thema, das nur amerikanische Juden und ihre israelischen Brüder angeht.

Jonathan Safran Foer
Das Judentum ist für mich nur ein Vorwand, ein kulturelles Merkmal, um über Heimat sprechen zu können. Denn das ist das eigentliche Thema in "Hier bin ich". Ist eine Heimat das Land, in dem du lebst oder die Sprache, die du sprichst? Bis du zuhause in deinem Beruf, in deinem Haus? Ist Zuhause in einer Familie, in einer Ehe? Und was passiert, wenn du mehr als ein Zuhause, wenn du verschiedene Adressen hast?

Das Ende zwischen Julia und Jacob: Foer beschreibt es unerbittlich, mit großer Emotion, Witz und dem Wissen um die Widersprüche im Leben.

Und Israel, der schon jetzt gar nicht so fiktive Krieg an seinen Grenzen: Das Buch bietet keine Botschaft an. Doch Foer findet schon: Wir leben in Zeiten, in denen man sich selbst erklären muss, wo man steht.    

Jonathan Safran Foer
Jeder von uns hat viele Ideen davon, wer er ist, woran er glaubt, welcher Sache er sich hingeben will. Doch bis diese Ideen wirklich gefordert werden, sind es nur Worte. Dann plötzlich aber ist es so weit: Wir müssen uns entscheiden. Also, egal was  ich sage: Das tue ich.

So ein Moment ist gekommen, glaubt Foer. Hier bin ich: Der Ernstfall ist da. Abschottung, Hass, Rassismus, womöglich Krieg? Die Welt erlebt gerade erst den Anfang von Trumps bizarrer und bitterernst gemeinter Show. Aber vielleicht auch von Widerstand und Neubeginn.

Jonathan Safran Foer
Ja natürlich, in vier Jahren kann Trump es schaffen, die Welt zu zerstören. Wir stehen also vor zwei Herausforderungen: Unmittelbar gegen seine Vorhaben zu kämpfen. Und längerfristig, jenseits eines Donald Trump, ein anderes Leben, eine andere politische Zukunft aufzubauen.

Autor: Andreas Lueg 

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