Theaterszene aus "Lesbos - Blackbox Europa" (Quelle: DT Berlin/Foto: Arno Declair)

- 'Lesbos – Blackbox Europa'

In dem Theaterstück "Lesbos - Blackbox Europa" erzählen drei Schauspieler von ihrem Aufenthalt auf Lesbos. Doch während zwei von ihnen als Besucher auf der Flüchtlingsinsel waren, ist der irakische Schauspieler Thalfakar Ali selbst als Geflüchteter 2015 dort angekommen. Jafaar Abdul Karim hat den jungen Schauspieler am Deutschen Theater Berlin getroffen.

Jaafar Abdul Karim
Ich sitze jetzt hier mit Thalfakar Ali, er ist Schauspieler hier am Deutschen Theater. Schön dich zu treffen.

Thalfakar Ali
Danke.

Jaafar Abdul Karim
Im Stück "Lesbos - Blackbox Europa" geht es um Deine persönliche Geschichte: Du bist 2015 auf Lesbos angekommen, da warst Du 22 Jahre alt. Warum bist Du aus dem Irak geflüchtet?

Thalfakar Ali, Schauspieler (Übersetzung)
Es sind persönliche Gründe, über die ich nicht reden kann. Es wäre gefährlich für mich und meine Familie im Irak
.

Jaafar Abdul Karim
Das Stück, in dem du spielst hatte bereits Premiere, da können wir mal reinschauen.

Szene aus "Lesbos -Blackbox Europa", Thalfakar Ali (Übersetzung)
Als sie uns im Hafen von Lesbos zählten, war es sehr kalt und windig. Wir hatten nasse Klamotten an. Sie gaben uns keine trockenen Sachen, sie gaben uns keinen warmen Tee. Es gab keine Hilfe dort. Es gab keine Freiwilligen, nur die Polizei.

Der irakische Schauspieler Thalfakar Ali ist einer von 800.000 Geflüchteten, die seit 2015 mit Booten nach Lesbos gekommen sind. Seine Erlebnisse auf der Flucht stehen im Mittelpunkt des Stücks "Lesbos – Blackbox Europa". Auch Thalfakars Schauspielkollegen Katharina Schenk und Božidar Kocevski sind mit dem Regisseur Gernot Grünewald nach Griechenland gereist: Zur Recherche.

Mit dem Auto erkunden sie die Flüchtlingsinsel Lesbos.

Katharina Schenk, Schauspielerin
Wir wollen einfach davon berichten, was wir gesehen haben, und Thalfakar erzählt von seiner Reise. Und wir wollen niemanden anklagen oder auch niemanden zwingen, sich zu erinnern oder zu sagen, hey wir müssten – sondern wir erzählen das.

Szene aus "Lesbos -Blackbox Europa", Katharina Schenk
Und ich sehe circa 40 bis 60 Männer, ein paar Frauen. Ich sehe, wie sich alle hinsetzen sollen. Ich sehe 6 bis 8 Männer vom griechischen Militär, ich sehe eine Wärmedecke, einen Krankenwagen, einen Abtransport. Ich sehe eine Wasserflasche, die sich geteilt wird. Ist es pietätlos einfach da zustehen, daneben zu stehen und zuzugucken? – DOWN DOWN, EVERYBODY – STAY DOWN!!!“

Mit Aufnahmegerät und Kamera dokumentieren die Theaterleute ihre Eindrücke. Sie treffen Geflüchtete und Helfer, besuchen das völlig überfüllte Auffanglager Moria [Muria], in dem Tausende von Menschen seit dem EU-Türkei-Abkommen feststecken. Thalfakar Ali hingegen setzte seinen Weg über die Balkanroute nach Deutschland fort.

Szene aus "Lesbos -Blackbox Europa", Thalfakar Ali
In Budapest, wie Sie hier sehen, fahren meine Freunde und ich mit einem Privatauto nach Passau in Bayern. Diese Jungs, außer mir sind in Bayern und dieser Kerl hier ist mit mir in Berlin, er ist seit ein paar Monaten verheiratet. Glücklicherweise sind wir alle erst mal hier in Deutschland angekommen – Dank der deutschen Gesetze.

 

Jaafar Abdul Karim
Was war für dich das Schlimmste, das du auf der Flucht nach Deutschland erlebt hast?

Thalfakar Ali, Schauspieler
Die Kälte. Und die Gleichgültigkeit der Menschen: Ob jemand arm war und etwas brauchte: Keiner hat sich dafür interessiert. Alle haben nur an sich gedacht. Und wie schlecht  die Polizei mit uns umgegangen ist.

Jaafar Abdul Karim
Du bist jetzt hier Schauspieler am Deutschen Theater. Hast du es geschafft, jetzt hier zu sein und abzuschalten. Oder denkst du jetzt, wenn du spielst immer noch an den Irak?

Thalfakar Ali
Ich bin nur halb hier. Meine Familie ist noch im Irak, dort hatte ich gute Arbeit, und meine Freunde sind auch noch da. Ich bin dabei, mich hier zu aklimatisieren. Darum bin ich auch nur selten zuhause; ich bin immer unterwegs und treffe Leute. Ich hab hier eigentlich fast nur europäische Freunde und sehr wenige arabische.

Jaafar Abdul Karim
Dein Asylantrag wurde ja abgelehnt, was machst du jetzt?

Thalfakar Ali
Ich war schockiert, als die Nachricht kam. Das war total überraschend. Zwei Jahre habe ich gewartet und dann so was. Ich habe Widerspruch eingelegt. Hier, das Deutsche Theater hat mir sehr geholfen. Und jetzt warte ich wieder: Ja, klar: ich könnte in den Irak zurückgehen… aber dann würden sie mich umbringen.“

Jaafar Abdul Karim
Ich hoffe, es kommt so weit. Und ich wünsche dir alles Gute. Vielen Dank für das Gespräch.

Thalfakar Ali
Danke.

Autoren: Karolin Krämer, Jafaar Abdul Karim

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