Ein Mann zeigt auf ein Schild mit der Aufschrift "Özgürüz" (Quelle: rbb/Martin Adam)
Bild: rbb/Martin Adam

- Özgürüz - türkische Journalisten im deutschen Exil

Am 24. Januar ging das türkisch-deutsche Internet-Portal "Özgürüz" für türkische Exiljournalisten online. Drei Tage später wurde es in der Türkei aus dem Netz genommen. Jafaar Abdul Karim ist zu Gast bei "Özgürüz" und spricht mit Mitbegründer Hayko Bağdat über Projekt.

Jafaar Abdul Karim
151 Journalisten sind zur Zeit in der Türkei inhaftiert. Pressefreiheit gibt es dort praktisch nicht mehr! Außerdem wurden 150 türkische Zeitungen und Sender geschlossen. Dagegen regt sich Widerstand, auch hier in Berlin. Wir sind jetzt zu Gast beim türkisch-deutschen Online-Magazin ÖZGÜRÜZ, das seit gut einer Woche online ist.

"Özgürüz“ – zu Deutsch "Wir sind frei" – unter diesem Titel startete am 24. Januar das zweisprachige Online-Projekt des türkischen Regimekritikers und Journalisten Can Dündar; er ist das Gesicht der regierungskritischen Presse der Türkei. Zusammen mit seinem Kollegen Hayko Bağdat und dem journalistischen Portal "Correctiv" hat Dündar die Plattform gegründet – um unabhängig und investigativ über die Situation in der Türkei zu berichten:

Can Dündar
In einer für die Türkei sehr kritischen Phase, in der die Pressefreiheit mit Füßen getreten wird, unsere Kollegen inhaftiert sind und mit schweren Problemen zu kämpfen haben, haben wir uns entschlossen, unsere Stimme frei zu erheben.

Nur drei Tage nach der Veröffentlichung ließen Erdoğans Behörden die Website in der Türkei sperren. Seit dem Putschversuch im Juli 2016 geht die türkische Regierung verschärft gegen regimekritische Journalisten vor.

Auch Dündar wurde wegen Spionage zu fast sechs Jahren Haft verurteilt. Wie viele seiner türkischen Kollegen floh er ins deutsche Exil.

Bereits vor dem Onlinegang wussten die Macher von Özgürüz, dass ihre geplante Website gesperrt werden sollte. Von der Blockierung selbst zeigen sie sich auf twitter wenig beeindruckt: "Pah. Wir machen weiter. Wir sind frei."

Jaafar Abdul Karim
Hayko Bagdat, Sie sind Redakteur des Onlinemagazins. Eigentlich wollten wir bei Ihnen in der Redaktion drehen, auch mit den Kollegen. Aber einige Kollegen wollen nicht. Warum?

Hayko Bağdat (Übersetzung)
Viel zu viele Kollegen sind in der Türkei in Haft, zu viele sind im Ausland. Und es gibt viele Ermordete, deren Mörder noch immer nicht gefasst wurden. Da ist die Exekutive sehr nachlässig und übt entsprechend Druck aus. Heute muss jemand, der Erdoğan ärgern möchte, sich das gut überlegen. Deshalb: Sie können gerne mit mir reden, ich antworte gerne auch im Namen meiner Kollegen.

Jaafar Abdul Karim
Ihr Magazin wurde von der türkischen Regierung gesperrt. Vor was hat die Regierung Angst?

Hayko Bağdat
Das bedeutet doch wohl, sie haben Angst vor der Wahrheit in der Türkei. Wenn man uns noch vor der Veröffentlichung stoppt, mit der wir die Wahrheit ans Licht bringen wollen, scheinen wir den Regierenden Sorgen zu bereiten. Das ist deren Problem, nicht unseres.Wahrscheinlich haben sie Angst.

Jaafar Abdul Karim
Weiß in der Türkei eigentlich jemand, dass es Sie gibt? Wie erreichen Sie ihre Leser dort trotz der Sperrung?

Hayko Bağdat
Ohne uns selbst zu sehr zu loben, wir sind nicht gerade unbekannte Journalisten in der Türkei. In den Sozialen Medien haben Can Dündar und ich mehr als 5 Millionen Follower. Es gibt seit dem Launch unserer Seite ein riesen Interesse. Natürlich hat uns das Verbot unserer Seite Probleme bereitet. Die Leute müssen nun bestimmte Technologien nutzen, VPN-Hotspots und so… Aber wir sind das bereits gewohnt in der Türkei.

Jaafar Abdul Karim
Es gibt ja noch Journalisten in der Türkei – über was schreiben die dann?

Hayko Bağdat
Meine Kollegen in der Türkei machen trotz des Drucks, der ausgeübt wird, eine tolle Arbeit. Sie bringen sich selbst in Gefahr. Nicht nur Journalisten, auch Akademiker, Künstler und Jugendliche, die ganze zivile Bevölkerung, sie tun alle alles Mögliche gegen diese immer autoritärer werdende Regierung, um die Demokratie zu verteidigen. Es gibt auch großen Mut unter den Journalisten. Angst ist zwar ansteckend, aber Mut ist ebenso ansteckend.

Jaafar Abdul Karim
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist heute nach Ankara geflogen; Kritiker finden, sie unterstütze damit Erdogan. Wie finden Sie das? Was erwarten Sie von Angela Merkel?

Hayko Bağdat
Diplomatie muss es auch in Zukunft geben, weltweit – das steht außer Frage. Meine persönliche Meinung: Ich finde es äußerst beunruhigend, daß das Schicksal von Millionen von Flüchtlingen, die nicht mehr in ihrer Heimat leben können von der Politik von Merkel und Erdoğan abhängt. Deren gemeinsam entwickelte Flüchtlingspolitik ist einfach nicht menschlich.

Autoren: Jafaar Abdul Karim, Karolin Krämer

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