Watched! Surveillance, Art & Photography © C/O Berlin

- 'Watched!'-Ausstellung über Überwachung und Fotografie

Der Mensch wird ständig beobachtet. Videokameras an öffentlichen Plätzen und in Gebäuden zeichnen all seine Bewegungen auf. Und er selbst füttert Big Data bereitwillig mit privaten Daten, etwa auf Facebook oder Instagram. Mit dieser allgegenwärtigen Überwachung setzen sich Fotografen und Künstler im C/O Berlin auseinander.

Das Kamera-Auge über unseren Köpfen. Die sich selbst überwachende Besucherin der Ausstellung "Watched" ist nur ein Gag. Aber mal im Ernst: Wie finden wir es eigentlich, dass wir längst alle "Watched" sind, beobachtet sogar im Privaten?

FBI-Chef James Comey. Der Künstler Paolo Cirio hat ihn und andere Dunkelmänner in den US-Geheimdiensten ins Licht seiner Arbeit gezerrt. "Overexposed", überbelichtet" - eine Kritik an der systematischen Ausschnüffelung der Gesellschaft.

Paolo Cirio, Künstler

"Es steckt auch Ironie in diesem Projekt, aber tatsächlich weist es auf ein ernstes Problem hin. Diese Leute sollten verantwortlich gemacht werden für das, was sie tun: All die geheimen Aktionen, von denen niemand etwas erfährt. Im Grund überwachen sie alle, überall auf der Welt."


Big Brother und Big Data: Staat und Industrie speichern, werten aus, was wir im Internet oder am Telefon so machen. Durch Edward Snowdens Enthüllungen weiß es die Welt: Selbst Freunde hören mit. 

Angela Merkel

"Abhören, das geht unter Freunden wirklich nicht - der Kalte Krieg ist zuende."


Selten sah man Angela Merkel so hilflos.

"Watched": Die Ausstellung zeigt Fotografie als Medium der Überwachung, aber auch der künstlerischen Kritik daran - wie bei Ai Wei Weis Selbstüberwachungsprojekt "Weiweicam".

Im knallroten Trenchcoat begibt sich die Amerikanerin Jill Magid nach Liverpool. Für ihre Performance "Trust - Vertrauen - lässt sie sich von den städtischen Video-Überwachern mit geschlossenen Augen über die mit Kameras gespickten Straßen und Plätze führen. Der Knopf im Ohr ermöglicht den Dialog mit den Überwachern vor ihren Monitoren.

"Trust" - ein interessantes Experiment. Aber: Sollten wir Überwachern - und uns selbst - wirklich trauen?

Ann-Christin Bertrand, Kuratorin 
"Einerseits sind es diese Medien, die Überwachung ermöglichen. Inzwischen haben wir aber natürlich auch - ich halte hier die ganze Zeit mein Smartphone in der Hand - wir alle haben inzwischen ein Smartphone und was da passiert, holt ja auch diese sogenannte Surveillance in unseren Alltag. Man kann auch nicht mehr sagen, das ist diese Überwachung von oben und wir sind die armen Opfer, sondern wir sind Produzenten und Konsumenten gleichermaßen."


Facebook, Whatsapp und so weiter finden wir toll. Aber auch die damit verbundene Überwachung?

Wer hätte es gedacht? Selbst der Deutsche Wald ist nicht mehr sicher. "Waldprotokolle" nennt der Künstler Florian Mehnert, was er mit versteckten Mikrophonen, natürlich kleiner als diese, dem Wald abgelauscht hat. Zum Beispiel Spaziergängergespräche. 

Florian Mehnert, Künstler

"Der Deutsche Wald, der für uns nicht erst seit der Romantik ein Ort des Rückzugs, des Schutzes, der Ruhe ist. Mir ging es darum, diesen letzten vermeintlichen Rückzugsort zu verwanzen und damit eben auch zu zeigen, dass Privatheit nicht mehr existiert, auch nicht mehr im Wald und dass auch dieser letzte Rückzug quasi zerstört ist."


Was macht die beinah totale Überwachung, technisch möglich auch an den abgelegensten Orten, mit den Überwachten? Was wird aus der Intimität, dem Geheimnis? Betrachten uns die Hochleistungskameras nur oder jagen sie uns?  

Der Mensch auf der Flucht vor der permanenten Beobachtung: Es gibt kein Entrinnen mehr. Überall werden wir "getrackt" - und haben uns daran gewöhnt, in einer Kultur der Überwachung zu leben. 

Der Hamburger Soziologe Nils Zurawski ist Gründer eines Forschungsnetzwerks zum Thema Surveillance, Überwachung.

Nils Zurawski, Soziologe
"Dieser Wunsch nach Kontrolle, nach Vorhersage - vielleicht bei Regierungen ganz verständlich, weil dann können sie besser ihre Gesellschaft, ihre Politik planen - hat aber auch etwas Totalitaristisches, Allumfassendes. Diesen Zugriff auf 'ich will nicht nur wissen was ihr macht, sondern ich will euch auch in eine bestimmte Richtung lenken, damit ihr das macht, was mir am besten passt.'"

Kameras überall: Das Bedürfnis nach Sicherheit dient als Argument für immer mehr Überwachung. U-Bahn-Taschendiebe, U-Bahn-Treter, womöglich sogar Terroristen lassen sich durch Videoüberwachung identifizieren.

Doch schon wieder gibt es Fragen. Lässt sich vermeintliche Sicherheit aufrechnen gegen den Verlust von Freiheit, nämlich der, nicht ständig beobachtet zu werden? Wer überwacht, hat Macht.

Nils Zurawski, Soziologe
"Das ist bestimmt ein Grund: Interessen in der Politik, die darauf hinwirken, mehr Macht anzuhäufen und mit diesem Sicherheitsdiskurs spielen, auch schändlicherweise spielen, wie ich finde, auch unredlich - ich finde, es ist nicht absehbar, wo das endet."


"Watched" - die Ausstellung stellt Fragen, gibt Denkanstöße, liefert sinnliche Eindrücke von dem, was möglich ist. Wir haben den Geist aus der Flasche gelassen. Was nun?


Autor: Andreas Lueg

weitere Themen der Sendung

Der Zoo der Anderen; Buchcover mit Autor Jan Mohnhaupt; Foto: Antony Sojka

Jan Mohnhaupt: "Der Zoo der Anderen"

Aufgrund der einstigen Teilung gibt es in Berlin einige Dinge doppelt - so auch den Zoo. Zu Zeiten des Kalten Kriegs gab es quasi einen bizarren Wettlauf zwischen dem Berliner Zoo und dem Tierpark, wie das Buch "Der Zoo der Anderen" erzählt.  

Nora Bossong; Foto: Gregor Baron

Nora Bossong: "Rotlicht"

Wie funktioniert das Geschäft mit der Lust? Für ihr Buch "Rotlicht" hat die Schriftstellerin Nora Bossong sich in Tantrastudios, Swingerclubs und Tabledance-Bars gewagt, wo Wollust vor allem für die Frauen oft harte Arbeit ist.

Berlin Art Bang

"The Haus" - ein Street Art Museum auf Zeit

Schon lange steht das ehemalige Bankgebäude in der Nürnberger Straße in Charlottenburg leer. Doch 170 Künstler und Kunstkollektive aus aller Welt verwandeln das Haus für ein paar Monate in eine temporäre Streetart-Galerie.

"Die Fuhre" (2013) von Neo Rauch, Öl auf Leinwand , 250 × 300 cm (Quelle: Neo Rauch/VG Bild-Kunst, Bonn 2015, Courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin, David Zwirner, New York/London)

Doku "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter"

Der Leipziger Neo Rauch ist ein Star in der internationalen Kunstszene und gilt als Wegbereiter der Neuen Leipziger Schule. Doch was macht seinen unglaublichen Erfolg eigentlich aus? Die Dokumentation "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter" von Nicola Graef geht dieser Frage nach.

Gebäude der Sophiensäle in Berlin (Bild: imago stock&people)

Kulturtipps

Tipp 1: "Alles muss glänzen" im Theater am Kurfürstendamm
Tipp 2: Chor@berlin - Vokalfest im Radialsystem
Tipp 3: "Next to near" in den Sophiensälen