Der Zoo der Anderen; Buchcover mit Autor Jan Mohnhaupt; Foto: Antony Sojka
Bild: Foto: Antony Sojka

- Jan Mohnhaupt: 'Der Zoo der Anderen'

Aufgrund der einstigen Teilung gibt es in Berlin einige Dinge doppelt - so auch den Zoo. Zu Zeiten des Kalten Kriegs gab es quasi einen bizarren Wettlauf zwischen dem Berliner Zoo und dem Tierpark, wie das Buch "Der Zoo der Anderen" erzählt.  

Am Ende sind es Millionen, die ihn sehen wollen, ein Medienrummel wie bei einem Popstar - Knut, das erste Eisbärenjunge seit 30 Jahren im Berliner Zoo. Sein Vater kommt aus München, die Mutter aus der DDR. Die Wiedervereinigung als zoologisches Happy End. Und Berlin ist genau der richtige Ort dafür.

Jan Mohnhaupt, Autor
"Die Berliner sind nicht nur tierverrückt, sie sind tierbesessen. Das zieht sich durch Generationen. Der alte Zoo von 1844, der älteste Deutschlands, ist eine Institution in der Stadt gewesen, er war die wichtigste Kultureinrichtung, wo sich die Familien am Wochenende getroffen haben. Hinzu kommt noch: Wahrscheinlich durch die Teilung, die Insellage Westberlins, hat vor allem die Westberliner Bevölkerung noch mal den Sehnsuchtsort Zoo besonders gesucht."

Ja, die Westberliner befinden sich nach 1945 selbst in einer Art Zoo, mit den Tieren als exotischen Leidensgenossen. Allen voran der hochberühmte Knautschke, eines der wenigen Tiere, die den Krieg im einst artenreichsten Zoo der Welt überlebten und jetzt hungrig auf das Wirtschaftswunder warten. Mit Heinz-Georg Klös, Direktor seit den 50er Jahren, soll der Zoo zu alter Größe und neuem Glanz erwachen - sehr zum Ärger von gewissen Leuten auf der anderen Seite der Stadt.

Jan Mohnhaupt, Autor
"Es lag an der politischen Situation, weil die Staatsführung der DDR nicht wollte, dass die Ostberliner immer wieder in den Westsektor reisten, um dort den alten Zoo zu besuchen. Und dafür brauchte man einen Gegenzoo. Dieser wurde dann Mitte der 50er Jahre hier eröffnet in Friedrichsfelde. Und man hat offiziell erst einmal gesagt, man braucht eine Ergänzung, der alte Zoo im Westen sei zu klein und zu alt. Es war aber ganz klar, man wollte einen Zoo etablieren, der dem anderen den Rang abläuft."

Ein kurioser Wettlauf der Zoosysteme beginnt, den der Journalist Jan Mohnhaupt in seinem Buch "Der Zoo der anderen" jetzt nachzeichnet. Hier auf dem alten Parkgelände von Schloss Friedrichsfelde wird der Gegenzoo errichtet. Aufbauhelfer kommen zu Tausenden. Die Bevölkerung wird zu Tierspenden aufgerufen. Meerschweinchen gehören zur ersten Belegschaft im Tierpark sowie ein Elefant, gespendet von den vietnamesischen Genossen, und: Heinrich Dathe, seinem Widerpart im Westen in inniger Feindschaft verbunden.

Jan Mohnhaupt, Autor 
"Heinrich Dathe und Heinz-Georg Klös haben daraus auch einen persönlichen Wettstreit entwickelt. Da ging es immer auch darum, den jeweils anderen auf der anderen Seite der Mauer zu übertrumpfen. Dabei spielte die persönliche Abneigung eine Rolle, aber es ging auch darum zu zeigen, ich habe hier den schönsten Zoo in meinem Teil Berlins."

Dr. Dr. Heinrich Dathe - hier mit Reporterin Annemarie Brodhagen - wird durch seine allwöchentlichen Radio- und Fernsehsendungen zum landesweit bekannten und geliebten Unikum.

Heinrich Dathe (Archiv)

"Der Waldkauz klingt immer etwas unheimlich für den, der nicht stimmkundig ist. Er wird sich ein klein wenig verschrecken. Das klingt also in etwa so: Huuhuuuu..."


Aber so ein Kauz reicht dem Westen nicht, zumal der Zoo auch hier zum Gegenstand weltpolitischer Einflussnahme wird. Robert Kennedy bringt Willy Brandt 1964 beim Staatsbesuch in Berlin einen Weißkopfseeadler mit. Große Tiere brauchen vor allem große Tiere, wenn nicht die größten. Unbemerkt von der Öffentlichkeit, in der niemand sonst die Zoos in beiden Teilen der Stadt vergleicht, beginnt jetzt, was in die Geschichte als der große Elefantenpoker eingehen wird.

Heinz-Georg Klös (2006)

"Herr Dathe hatte zwei Elefanten, und ich hatte drei. Und Willy Brandt sagte, also Klös, das geht nicht, kaufen sie noch mal zwei Elefanten. Also habe ich noch zwei Elefanten gekauft. Und dann ist Herr Dathe zu seinem Oberbürgermeister gegangen und hat gesagt, ich brauche auch noch zwei. Und dann hat er die auch gekriegt. Nur am Ende waren bei ihm fünf, und ich hatte nachher auf Wunsch von Herrn Brandt elf. Die Schlacht war da also schon mal gewonnen."

Eine Schlacht vielleicht, aber nicht der Krieg. Als der Westberliner Zoo 1962 sein sensationelles Tropenhaus mit Freifluggelände für Vögel eröffnet, ist auch Dathe eingeladen und lässt sich nichts anmerken. Längst hat er die Antwort parat.

Heinrich Dathe (1963)

"Es ist, ich möchte sagen, ein Haus, das so aussieht, als würde eine liegende Sphinx zwei Pranken vor sich hinstrecken, und in diesen Pranken sind im Hause Freianlagen, etwas ganz Neuartiges für diese Tiere."

Das Brehm-Haus ist bei seiner Eröffnung der größte und modernste Käfig der Welt. "Ein Meilenstein für den Sozialismus", heißt es. Und die DDR im Zoovergleich der Systeme einmal ganz vorn.

Jan Mohnhaupt, Autor

"Die Unterschiede waren, vor allem in den Anfängen, dass die DDR insgesamt sehr fortschrittlich war, was die Tiergärtnerei anging. Es war das erste Land der Welt, das den Tierpflegerberuf zu einem Lehrberuf gemacht hat. In anderen Ländern gab es einfach nur Kurse oder Hörensagen, das die alten Tierpfleger ihren Nachfolgern weitergegeben haben. Auch die ersten Lehrbücher kamen aus der DDR, und so sind bis in die 80er Jahre im gesamtdeutschen Raum DDR-Lehrbücher benutzt worden."

Zoo oder Zoo, West gegen Ost, eine unendliche Geschichte, die bis zum Ende bizarr bleibt. Als Bundeskanzler Helmut Schmidt 1980 einen Panda für den Westberliner Zoo beschafft, ist ein neuer Höhepunkt erreicht. Und man möchte bedauern, wenn die Wende verhindert, dass Dathe auf diesen Vorstoß reagiert.

Nach dem Mauerfall kommt es zum Showdown der beiden Zoodirektoren, von denen es jetzt einen zu viel gab. Der inzwischen 80-jährige Dathe kann ihn nicht mehr gewinnen, obwohl er zu seinem Geburtstag entschlossen ist, nicht aufzugeben.

Heinrich Dathe (1990)
"Ich habe gern gearbeitet und tue es noch. Und gerade in dieser nicht ganz leichten Zeit halte ich es für notwendig, dass ich noch ein paar Tage durchhalte, um meine Einrichtung in ruhiges Gewässer zu führen."


Kurz danach erreicht ihn die Kündigung des Senats, die er nicht verkraftet. Um sein Lebenswerk gebracht, wie er glaubt, stirbt er wenig später, betrauert von Tausenden Berlinern. Eine kleine Büste, versteckt in einer trostlosen Ecke des Brehm-Hauses, erinnert heute an ihn - immerhin.

Ende der Geschichte? Nicht ganz. Seit diesem Winter gibt es einen neuen Knut, er heißt jetzt Fritz. Diesmal aber im Ostteil der Stadt. Der Kampf geht also weiter, auch und gerade im Zoo.


Autor: Rayk Wieland

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