"Die Fuhre" (2013) von Neo Rauch, Öl auf Leinwand , 250 × 300 cm (Quelle: Neo Rauch/VG Bild-Kunst, Bonn 2015, Courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin, David Zwirner, New York/London)

- Doku 'Neo Rauch - Gefährten und Begleiter'

Der Leipziger Neo Rauch ist ein Star in der internationalen Kunstszene und gilt als Wegbereiter der Neuen Leipziger Schule. Doch was macht seinen unglaublichen Erfolg eigentlich aus? Die Dokumentation "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter" von Nicola Graef geht dieser Frage nach.

Es passiert nicht oft, dass Künstler sich bei der Arbeit so lange beobachten lassen. Für seine surrealen Welten zahlen Sammler Millionen, noch bevor sie fertig sind. Und wenn sie dann da draußen hängen, in der aufgeregten Kunstwelt, verstören sie gewaltig. 

Da passiert so viel: Ist das wohl Jesus? Irgendwas Religiöses? Und da oben: ein bisschen Kommunismus... Sehr komplex das Ganze. Was wabert da nicht alles durch die Bilder: Geschichte, die untergegangene DDR? Neo Rauchs Figuren, sein Stil war irritierend, befremdlich für die westliche Kunstwelt. Immer sind da diese Arbeiter, die riesenhaften, zu ewiger Maloche verdammten Zwerge. Neo Rauch war Ende 20, als die DDR kollabierte.

Szene aus "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter"
"Wer vielleicht zwei Jahre älter ist als ich, hat unter Umständen noch die drastische Einflussnahme des Staates auf seine Kunst erleben müssen. Das war eigentlich vorbei. In den 80er Jahren lag das System schon in der Agonie und übte sich in höflichem Desinteresse gegenüber den Vorgängen auf dem Gebiet der Bildenden Kunst."


Drei Jahre lang hat Regisseurin Nicola Graef den Leipziger Künstler begleitet und dabei einen stillen, fast verschlossen wirkenden Menschen kennengelernt.

Nicola Graef, Regisseurin
"Neo Rauch ist jemand, der zutiefst mit Unsicherheiten kämpft, mit Zweifeln, der einen ganz hintergründigen Humor hat, den man auch erst mal entdecken muss, der aber sehr besonders ist. Dass er diese Bodenhaftung nie verloren hat, das fand ich auch sehr beeindruckend."

Der Alltag im Atelier, die Verbindung zu Judy Lybke, seinem langjährigen Freund und Galeristen - all das scheint Neo Rauch Ruhe, Sicherheit zu geben. Und natürlich seine Frau, die Künstlerin Rosa Loy. Es sind erstaunliche Szenen: tatsächlich dabei zu sein, wie sehr Rosa Loy an der Arbeit ihres Mannes teil hat.

Szene aus "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter"
Rosa Loy: "Aber du könntest ihr zum Beispiel Perlenohrringe machen, die würden gut passen zu den runden Flügelklecksen."
Neo Rauch: "Das stimmt, das ist eine gute Idee."


Sie ist es auch, das erfahren wir nebenbei, die sein Leben, auch die Finanzen organisiert.

Nicola Graef, Regisseurin
"Die Menschen um ihn herum, mit denen er arbeitet, das sind alles Menschen, die er aus seinem frühen Leben kennt, die er seit Jahrzehnten kennt. Und das ist tatsächlich eine hohe Qualität, die er hat, wie ich finde: er ist ein sehr treuer Mensch."


Die Freunde: vielleicht die Familie, die Neo Rauch bis heute vermisst. Seine Eltern, beide Künstler, starben bei einem Zugunglück, da war er noch ein Baby. Es ist die Katastrophe, die sein Leben bis heute überschattet.

Szene aus "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter"
Nicola Graef: "Wie schwer ist es denn, sich mit dem spezifischen Thema Vater und Sohn malerisch zu beschäftigen?"
Neo Rauch: "So schwer, dass ich gar nicht darüber reden kann. Ich muss es erst machen."


Später dann: das Trauma ist Bild geworden. Es zeigt den Künstler in den Armen seines Vaters. Das Kind, älter als der Vater. Und da ist noch jemand im Hintergrund.

Szene aus "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter"
Neo Rauch: "Der vierte im Bunde, ich habe ihn einfach mal geschehen lassen. Ich habe ihn Raum greifen lassen, ohne mir darüber im Klaren zu sein, worauf der eigentlich hindeutet. Bis mir dann klar wurde, das ist vielleicht der Stellwerk-Mitarbeiter, der seiner Zeit den verhängnisvollen Entschluss fasste oder die falsche Weichenstellung vornahm.
Nicola Graef: "Die zu dem Entgleisen des Zuges führte?"
Neo Rauch: "Ja, hmm."


Unbewusst also fließt es in seine Bilder: das Dunkle, die Last seines Lebens.

Nicola Graef, Regisseurin
"Neo Rauch hat in seinem Leben so tiefe Erfahrungen gemacht, der Entwurzelung, des Verlusts, der Infragestellung von Identität, dass das ganz sicher prägend ist, für das warum er heute so malt, wie er malt."


Autorin: Petra Dorrmann

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