Nora Bossong; Foto: Gregor Baron

- Nora Bossong: 'Rotlicht'

Wie funktioniert das Geschäft mit der Lust? Für ihr Buch "Rotlicht" hat die Schriftstellerin Nora Bossong sich in Tantrastudios, Swingerclubs und Tabledance-Bars gewagt, wo Wollust vor allem für die Frauen oft harte Arbeit ist.

Willkommen in der Tabu-Zone...

Nora Bossong, Autorin
"Was passiert eigentlich, wenn ich als Frau dahin gehe, wenn ich da den normalen Ablauf störe, wenn da plötzlich eine Frau steht und an der Tür klingelt. Es wird ein Mann erwartet oder eine ganze Gruppe von Männern, aber dass da plötzlich eine Anfang/Mitte 30-jährige Frau Sex kaufen will, das kommt, glaube ich, eher sehr selten vor."

Nora Bossong recherchierte ein Jahr lang - meist undercover - im Rotlichtmilieu. Mit männlicher Begleitung zog sie durch Bars mit Table Dance, Wohnungsbordelle, Swingerclubs und Sexkinos. Da erlebte sie, wie naiv ihre Vorstellung von käuflicher Lust war.

Nora Bossong, Autorin
"Ich hatte die etwas naive Vorstellung, dass man da hingeht und sich einen Porno anguckt und auf irgendwelchen Stühlen sitzt. Und vielleicht onaniert da jemand. Aber eigentlich hätte mir da schon klar sein müssen, in Zeiten der Internetpornographie, dass da noch Kino offen haben. Nicht in allen, aber zumindest in zwei dieser Kinos fand dann tatsächlich Live-Sex statt. Und da hatte ich plötzlich das Problem, oh mein Gott, wie mache ich denn diesen Leuten klar, dass ich jetzt persönlich nicht an einem Pärchentausch interessiert bin. Dass ich auch nicht daran interessiert bin, jetzt eine Gangbang-Szene nachzuspielen."

In ihrem Buch Rotlicht beschreibt Nora Bossong - sprachlich brillant - wie sie das Geschäft mit dem Sex als Zuschauerin, manchmal sogar als Kundin erlebt hat. Indem sie den Sexhandel mitspielt, erfährt sie nicht nur viel über sich selbst. Sie erlebt auch, wie fest zementiert Rollenmuster sind: Ein Mann kann sich Sex kaufen. Für eine Frau - auch in Zeiten der Gleichberechtigung - die Ausnahme.

Nora Bossong, Autorin
"Wir reden über Frauenquoten, dann wird gesagt: Frauenquoten, das ist schon wieder eine Bevorzugung von Frauen. Wir sind schon so weit, dass wir überhaupt keine Quoten mehr brauchen. Oder man findet Quoten sowieso schlecht. Also, das kann man in bestimmten Bereichen bestimmt so sehen. Aber das ist doch erstaunlich, dass in einem so gravierenden Bereich, das ist ja nicht einfach so, die einen Kuchen kriegen und die anderen nicht. Es ist ja wirklich etwas ganz Existentielles, für die einen ist es offensichtlich ein Grundrecht, für die anderen, naja, die müssen sich halt bemühen darum."

Mit ihren Alltagsrecherchen in den Schmuddelecken der Sexualität deckt sie auf, wie verlogen die stillschweigende Akzeptanz des Lustgeschäfts ist. Unter dem Deckmantel der Liberalität verroht der Umgang dieser Sexpartner auf Zeit. Schuld daran ist auch der enorme Preisverfall. Der Respekt sinkt, die Brutalität steigt. Durch den Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs in Europa lebt das Geschäft vor allem von der Zwangsprostitution osteuropäischer Frauen. Jetzt soll ein neues Prostituiertenschutzgesetz helfen.

Nora Bossong, Autorin
"Das Problem in diesem Bereich: Es ist natürlich viel Symbolpolitik. Es kann ja auch gar nicht anders sein, weil man kaum in jedes Bordell ständig Polizisten schicken kann, die dann mal die Tür aufmachen und sagen: 'Guten Tag, wir wollten mal kontrollieren, ob sie ein Kondom benutzen.' In dem Moment, wo man es verbietet, driftet es total in die Grauzone ab. Dann gibt es staatlicherseits überhaupt gar keine Möglichkeiten, irgendetwas zu tun, dann wird es nur noch im Dunkeln stattfinden. Das wird die Lage der Frauen ganz sicher nicht verbessern."

Doch lässt sich die Lage der Huren tatsächlich verbessern? Prostitution heißt zu Deutsch: sich demütigen. Das älteste Geschäft der Welt lebt also von der Erniedrigung der Sexverkäuferin. Welche Frau nimmt das freiwillig auf sich? Und was sagt das über unsere Gesellschaft?

Nora Bossong, Autorin
"Ich glaube, dass sich viele einfach nicht dafür interessieren. Die glauben, es betrifft sie nicht. Sie sind nicht zwangsprostituiert. Oder mein Mann geht schon nicht in ein Bordell. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir mitkriegen, es ist auch unser Problem, wenn Menschen, fünf Minuten von hier entfernt, so miteinander umgehen. Dann können wir nicht davon reden, dass wir in einer tollen liberalen Gesellschaft leben."

Beim Blick in die Abgründe der käuflichen Lust ist Nora Bossong klar geworden: Es bleibt etwas auf der Strecke, wenn wir das Bedürfnis, uns berühren zu lassen, kaufen wollen. Ihr Buch ist ein Sittenporträt über eine Tabuzone, die uns eigentlich egal ist. Aber Nora Bossong fordert uns auf, genauer hinzuschauen.


Autorin: Marina Farschid

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