Buchcover "Das ist unser Haus" (Quelle: Aufbau Verlag)

- 'Das ist unser Haus' - Hausbesetzerszene in Berlin

Seit den 70er Jahren war Berlin ein Zentrum der Hausbesetzerszene - Kai Sichtermann war mittendrin. Gemeinsam mit seiner Schwester Barbara Sichtermann befragte er im Buch "Das ist unser Haus" die wichtigsten Protagonisten von damals.

Berlin 1981. Die erste Hausbesetzung liegt zehn Jahre zurück, und die Szene wird nun zur Massenbewegung. Graue Eminenzen in der Rückschau.

Barbara Sichtermann, Publizistin
Wenn diese Bitterkeit, diese knirschende Empörung, dann erst mal da ist, dann greift man auch zum Stein und dann wird's böse.

Haben Sie auch einmal zum Stein gegriffen?

Barbara Sichtermann
Das ist lange her, lange her .

Schön und gut, es ist verjährt. Die Geschwister Barbara und Kai Sichtermann waren damals dabei, als das Bethanien besetzt wurde. Die Aktivisten der ersten Stunde haben nun eine Chronik der Hausbesetzung verfasst: "Das ist unser Haus". Barbara hatte als Intellektuelle der 68er stets einen Fuß in der Tür der Szene.

Und Kai war als Bassist der legendären Band Ton Steine Scherben eh vorn dabei. Die Geschichte der Berliner Hausbesetzung nahm 1971 mit einem Konzert der Scherben in der TU Mmensa ihren Lauf. Rio Reiser rief dazu auf, ein leerstehendes Schwestern-Wohnheim am Mariannenplatz zu besetzen.

Kai Sichtermann, Autor
Wir mussten unsere Verstärker einpacken und kamen mit einer halben Stunde Verzögerung am Mariannenplatz an und da war der Platz wirklich blau und alles voll Polizei.

Kai Sichtermann
Wir wollten mit dem Schwesternheim anfangen und nach und nach auch das große gebäude besetzen und danach die freie Republik Bethanien ausrufen.

"Wird auch Zeit, sagt Mensch Meier, stand ja lange genug leer."

Das Bethanien-Krankenhaus sollte abgerissen werden. Nach der Besetzung wird es eine Art selbstverwaltetes Jugendhaus mit 50 Lehrlingen, Trebern und Freaks - viele mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt.

Zitat (1972)
Die meisten Unternehmer, die haben was gegen progressiv aussehende jugendliche, also gegen modern aussehende Jugendliche.

Auch das hat sich geändert: heute sind "progressiv" aussehende Berufsjugendliche zumeist selbst Unternehmer und machen "was mit Medien".

Die Sichtermann Geschwister wollten damals die Revolution durch den Häuserkampf vorantreiben. Und man muss noch mal zurückspulen in das Kahlschlag-Sanierungsgebiet Kreuzberg 1977. Die Stadtplaner machten Tabula Rasa: der Kiez rund ums Kottbusser Tor wurde platt gemacht und man knallte den Leuten ein NKZ; ein Neues Kreuzberger Zentrum hin.

Barbara Sichtermann 
Die Stadtplaner wollten hier eine Autobahntrasse durchführen und waren ganz auf die autogerechte Stadt fixiert und wollten Altbauten niederreißen, um dann mt Neubauten mehr zu verdienen. 

Kai Sichtermann
Die Stadtplaner haben ja auch mit den Spekulanten gemeinsame Sache gemacht, das darf man auch nicht vergessen.

Kahlschlag und korrupte Figuren. Gegen diese verfehlte Stadtplanung kämpften die Hausbesetzer an. Aber die Szene machte noch etwas anderes aus. Ein Lebensgefühl. Die Utopie der Dauerkommune: zusammen leben und zusammen arbeiten, jenseits der überlebten Kleinfamilienmodelle. Man wollte alt werden im Altbau.

Barbara Sichtermann
Als wir nachgedacht haben darüber, was die Bewegung so charakterisiert - und das ist vieles, da gibt es viele Aspekte - kamen wir auch auf einen sehr konservativen Aspekt, das war die Sache mit dem "Bleiben". Wir bleiben alle, "Sowieso Straße" bleibt, das war ganz wichtig - stand auf Transparenten, das stand auch auf den Flugblättern.

Das Leitmotiv "Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen" hat sich dennoch bewährt. Später dann hat sich das Restaurieren - mit Tendenz zum Totsanieren - durchgesetzt. Damals unterschied man zwischen Müslies und Mollies. Und irgendwann ging dann die Bewegung baden.

Barbara Sichtermann
Man kann nicht davon reden dass die Hausbesetzerszene gescheitert sei, nur weil jetzt keine besetzten Häuser mehr zu finden sind, es gibt ja viele Häuser, die noch stehen, weil sie mal besetzt worden sind. Die muss man eigentlich gegenrechnen.

In der Tat. Die Hausbesetzerszene hat die Stadt geprägt. Ohne sie würde so mancher Altbau nicht mehr stehen.

Autor: Sascha Hilpert

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