Teilnehmer eines Autokorso für die Freilassung von Deniz Yücel (Quelle: imago / C. Mang)
Bild: imago / C. Mang

- Solidarität mit dem Journalisten Deniz Yücel

Die Welle der Solidarität, die jetzt im Fall des "Die Welt"-Journalisten Deniz Yücel durchs Land gerollt ist, hat dafür gesorgt, dass das Problem mit Meinungs und Pressefreiheit in der Türkei jetzt wieder überall diskutiert wird.

Er ist einer, der unliebsame Fragen stellt, Klartext spricht, auch mal frech formuliert. Offen hat er immer wieder die Situation von Demokratie und Menschenrechten in der Türkei angesprochen.

Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent "Die Welt"
Seither hat sich die Situation im Land nicht gebessert.

Nach zweiwöchigem Polizeigewahrsam ist Deniz Yücel nun in Untersuchungshaft verlegt worden. Bis zu 5 Jahre kann diese dauern. Dem Journalisten, der die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft besitzt, werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Neben der Familie kämpft in Istanbul auch eine Berliner Kollegin für ihn - und berichtet uns via Internetschaltung vom Gerichtstermin.

Doris Akrap, Journalistin "die taz"
Wie kann ich das beschreiben? Es ist ein Moment, in dem einen Worte fehlen. Wir haben uns umarmt. Natürlich waren wir total war schockiert, völlig schockiert. Weil wir an diesem Montag glauben, es wird besser. Man muss weiter machen, das ist Deniz sehr wichtig, für Deniz sehr wichtig.

Doris Akrap, die im selben hessischen Ort wie Yücel geboren ist, hat die Autokorsos der FreeDeniz-Kampagne mit initiiert. Auch in Berlin demonstrierten Hunderte vor der türkischen Botschaft. Die Petition von Künstlern und Journalisten zeigt mittlerweile auf höchster Ebene Wirkung: Am politischen Aschermittwoch wurde die Kanzlerin deutlich.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin
Deshalb denken wir an diesem Abend auch an Deniz Yücel, der in Untersuchungshaft sitzt und dessen Freilassung wir fordern.

Die Zeit-Kolumnistin Mely Kiyak, auch sie eine enge Kollegin von Deniz Yücel, erklärt, warum der Kampf so wichtig ist. In ihren Augen geht es um einen Symbolfall, in dem das Verhältnis beider Länder zum Ausdruck kommt.

Mely Kiyak, Journalistin "Zeit-Online"
Türkeipolitik ist immer auch Deutschlandpolitik. Einmal durch die Bevölkerungsstrukturen, aber auch weil wir politisch miteinander verbunden sind. Kkommt irgendwann hierher. Und daher gibt es diesen Erregungspegel.

Die Einschüchterung und oft willkürliche Verhaftung, der Journalisten, Künstler und Wissenschaftler in der Türkei ausgesetzt sind, betrifft uns auch hier. Doch warum geht Erdogan überhaupt so rigoros gegen politische Opposition und kritische Journalisten vor?

Mely Kiyak
Wenn Sie mich fragen: Es geht immer um Kurdenpolitik. Deniz hat viel gemacht, was der Regierung missfallen hat. Aber dass er ein Interview mit einem führenden Mitglied der PKK gemacht hat – das kann niemand ungestraft machen in der Türkei.

Deniz Yücel hat Erdogans größtem Feind eine Stimme gegeben – und den Präsidenten damit ins Mark getroffen. Deniz Yücels Verhaftung entlarvt, wie Mely Kiyak und andere meinen, Erdogans innenpolitische Schwäche. Er will sich als Präsident mit fast diktatorischen Rechten ausstatten. Die Härte gegenüber Deniz Yücel ist für manche auch ein Signal an die Deutschtürken. Auch bei uns lässt Erdogan seine AKP-Leute Einfluss auf das politische Klima nehmen. Ein Eingriff, sagen die Kolleginnen von Deniz Yücel, den wir uns hier in Deutschland nicht gefallen lassen dürfen.

Doris Akrap und Mely Kiyak
Der Deutschlandsprecher der AKP sagt, dass Deniz ja mehr Aktivist als Journalist sei. Das finde ich sehr sehr gefährlich. Denn jeder Journalist sollte über alles berichten, was in diesem Land vor sicht geht. Es ist natürlich oberste Pflicht, über die Leute zu berichten, die keine offiziellen Sprachrohre haben, also alles, was abseits der Regierung ist.

Ich schlage vor, dass wir die AKP-Leute raushalten. Denn die werden dafür bezahlt, dass sie hier AKP-Politik legitimieren. Ich meine, wir kennen das. Die sitzen da und sagen, dass das alles mit Recht und Ordnung vor sich gegangen ist. Dass der Ausnahmezustand aber die Abwesenheit von Recht und Ordnung ist, sagen die nicht dazu. Das könnten andere sagen, aber die werden nicht eingeladen.

Ein Brief, den Deniz Yücel gestern aus dem Gefängnis schicken konnte, beweist, dass er sich auch weiterhin nicht den Mund verbieten lässt: "Das Verhör und die Urteilsbegründung", schreibt er, "bringen mich nach wie vor zum Lachen".

Autor: Norbert Kron

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