Eine verschleierte Frau (Quelle: dpa)
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- Zana Ramadani: 'Die verschleierte Gefahr'

Die ehemalige Femen-Aktivistin Zana Ramadani ist in einer muslimischen Familie aufgewachsen. Jetzt hat sie für ihr Buch "Die verschleierte Gefahr" untersucht, wie sich die religiöse Erziehung auf das Frauenbild von jungen muslimischen Männern auswirkt.

Die meisten Muslime in Deutschland, so Zana Ramadani, sind geprägt von Werten,   die nicht zu unserem Grundgesetz passen. Sie ist selbst streng muslimisch erzogen und warnt in ihrem Buch "Die verschleierte Gefahr" vor unangebrachter Toleranz.

Zana Ramadani, Autorin
Der Deutsche sagt: Wir sind eine liberale und tolerante Gesellschaft, wir müssen das aushalten und wir müssen das tolerieren. Tatsache ist aber: Man kann Formen von Zwang und Unterdrückung nicht tolerieren.

Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen das Kopftuch: dem "Leichentuch unserer freien Gesellschaft," wie sie sagt. Es sei immer ein Zeichen der Unterdrückung der Frauen. Und sie kritisiert vor allem die muslimischen Frauen selbst! Sie seien es, die die falschen Werte vermitteln.

Zana Ramadani
Die Vermittlung von meiner Mutter war eigentlich die pure Geschlechterapartheit: Was Frauen dürfen, was Frauen sind, wie viel Frauen wert sind und was es bedeutet, ein Mann zu sein – ein richtiger Mann zu sein! Also wenn ich sehe, was sie meinem Bruder beigebracht hat und was er alles durfte. Und natürlich stand er immer im Wert über mir.

Die Mutter ist eine streng gläubige Muslimin. Die Familie lebt in Jugoslawien. Die Töchter werden gezüchtigt, der Sohn gehätschelt. Und der Vater: ein liberaler Atheist, hält sich zurück. Als Zana sieben ist, flieht die Familie vor dem Krieg nach Deutschland. Hier, in einer christlichen Dorfgemeinschaft, erfährt Zana Ramadani erstmals, was es heißt gleichwertig, gleichberechtigt zu sein. Später kämpft sie in der radikal-feministischen Gruppe "Femen" barbusig gegen religiöse Unterdrückung. Oft diskutiert sie mit jungen Musliminnen. Wie heute in Neukölln: Sie holen gerade ihren Schulabschluss nach - wie leben, denken sie? Und was halten sie vom Kopftuch?

Anonym
Also ich hab das Kopftuch angezogen – ich bin ja verheiratet – für meinen Mann. Er hat mir jetzt nicht gesagt: Du musst jetzt dein Kopftuch anziehen, aber ich habe das aus Liebe zu ihm getan, weil er eifersüchtig ist und so. Dass ich halt meine Reize verstecke.

Zana Ramadani
Du tust es für deinen Mann!

Anonym
Auch für mich selbst, weil das meine Religion ist.

Die Frau möchte auch nicht erkannt werden – wegen ihres Mannes. Auch wenn die meisten hier kein Kopftuch tragen: Die religiösen Bestimmungen sind ihnen wichtig. Welche Freiheiten sie dennoch haben, das ist von Familie zu Familie unterschiedlich.  

Inas
Ich hab meine Freiheit, ich darf vieles machen, ich darf lange draußen bleiben – ich darf vieles machen, da kann ich ja nichts sagen.

Halime
Also mir wurde beigebracht, dass ich halt immer zuhause bin, für die Familie mehr, beschäftige, putze, koche und so weiter.

Eigentlich fühlen sich die Frauen frei – doch Zana hakt nach: Nach welchen Maßstäben? Was ist, wenn sie Jungs treffen: da gibt es doch enge Grenzen für Muslima…

Zana Ramadani
Hast du wirklich männliche, gute Freunde – Kumpels?

Amal
Das geht halt deswegen nicht, weil ich ein Mädchen bin.

Zana Ramadani
Das ist das Problem, Geschlechterapartheid, das ist Geschlechtertrennung.

Anonym
Das ist jetzt nicht schlimm, wenn er in meiner Klasse ist, aber es ist schlimm, wenn ich mit ihm rausgehen und was mit ihm trinken würde. Dann wäre das schlimm.

Zana Ramadani
Was ist daran so schlimm, mit einem Klassenkameraden, einem Jungen zu reden?

Amal
Einer meiner Brüder, der würde niemals eine Frau draußen auf der Straße ansprechen – niemals. Der sagt: Um Gottes Willen, das wäre für ihn so schlimm, wie wenn ich mit einem Mann draußen spreche.

Zana Ramadani
Dürft ihr "daten"?

Alle
Nein.

Sie halten sich an religiöse Vorschriften; und: niemals würden sie sich mit einem nicht-muslimischen Mann treffen. Die Brüder, Männer hingegen hätten alle Freiheiten – und wenig Respekt vor Frauen, meint Zana Ramadani. Schon den kleinen Jungs würden zuhause keine Grenzen gesetzt. Das hat sie selbst erlebt.

Zana Ramadani
Das kenne ich von zuhause: Wenn mein Bruder keine Leistung erbracht hat, oder eine schlechte Note hatte oder einen blauen Brief gebracht hat oder sich mit Mitschüler geschlagen hat, dann hat meine Mutter immer eine Rechtfertigung dafür gefunden, dass er das arme Opfer ist. Er kann ja nichts dafür, der Arme.

Muslimische Familien entschuldigen zu oft das Fehlverhalten ihrer Söhne, sagt Zana Ramadani. Unsere liberale Gesellschaft müsse dieser Entwicklung konsequenter entgegentreten. Falsche Toleranz, so das Fazit ihres Buches, darf es nicht länger geben.

Autorin: Petra Dorrmann

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