Ein Mann fotografiert auf dem Landesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) in Klipphausen (Sachsen) ein Transparent mit dem AfD-Parteilogo (Bild: dpa/Sebastian Kahnert)

- Die AfD und die Neue Rechte

Die Spiegel-Redakteurin Melanie Amann beobachtet die AFD seit ihrem Bestehen wie kaum eine andere Journalistin. In ihrem Buch gerade erschienen Buch erklärt sie uns, warum die AFD so schnell so erfolgreich wurde, wer sie führt – und wie weit rechts sie tatsächlich steht

Volk auf der Straße. Und haben die Wutbürger nicht recht? Politik stinkt - weiß jeder.

AfD-Promis, von manchen als  Volkshelden gefeiert - und ab September wohl im Bundestag. Die Journalistin Melanie Amann fragt: Woher kommt diese Alternative für Deutschland, wer hat  das Sagen, was ist ihr Versprechen?  

Melanie Amann, Autorin und SPIEGEL-Redakteurin
Ich glaube, dass ein wichtiger Erfolgsfaktor der AfD ist, dass sie die perfekten Zutaten hat im Moment, die idealen Gedeihens-Bedingungen für eine rechte Partei. Es gibt politische Krisen, es gibt ein mangelndes Vertrauen in Politiker, die diese Krisen lösen sollen. Und es gibt eine Partei, die glaubhaft als Außenseiter kommt und sagt: Wir packen das an. Wir machen alles anders, alles neu und wir sprechen eure Ängste an, greifen das auf.

Die AfD, so Melanie Amann, zapft Bauch-Gefühle an: Angst, Enttäuschung über ein politisches Establishment, das Krisen weg redet und den Kontakt zum Volk, den gern zitierten "Menschen" verloren hat. In eine von politischer Korrektheit bestimmte Öffentlichkeit bringe sie Denkanstöße, vor allem aber: Emotion.

Melanie Amann
Sie hat Leute dazu ermutigt, sich für Politik zu engagieren und sie haben vielleicht auch einen gewissen Mehltau, eine gewisse Lähmung der Debatte aufgebrochen. Das kann man erstmal als positiv bezeichnen.  Nur jetzt ist es ins Gegenteil umgeschlagen, jetzt erleben wir eine Verrohung der Diskussionskultur - die von der AfD auch bewusst betrieben wird. Jetzt erleben wir eben fundamentale Schmähungen gegen den politischen Gegner und gegen das demokratische System.

Von "Das wird ja mal sagen dürfen" zu "Schnauze voll von der Demokratie" und "Merkel muss weg": AfD-Politiker gießen gern Öl ins Feuer.  

Melanie Amann
Ich sehe auch die Tabubrüche auf Twitter, Sprüche wie dass Deutschland wieder eine gescheite Nationalmannschaft braucht, wo nicht nur unechte Deutsche, die nur Passdeutsche sind, wie es in der Szene heißt, spielen. Also solche Sprüche, die ausgrenzend wirken und die Stimmung schüren sollen.

Die AfD ist keine Nazipartei, argumentiert Melanie Amann - aber nach rechts offen. Das radikal-rechte Wochenblatt "Junge Freiheit" gehört zur Parteitags-Lektüre.

Bei solchen Gelegenheiten gern gesehen ist auch der Verleger Götz Kubitschek, eine Schlüsselfigur der rechtsintellektuellen Szene. Er publiziert ultranationalistisches Gedankengut und geht damit zu rechten Medienmessen wie dem "Zwischentag": Schriften über "deutsche Gebietsverluste nach dem Zweiten Weltkrieg" gehören dort zu den harmloseren Exponaten.

Volker Weiß, Historiker
Das ist das Ideenreservoir der heutigen Neuen Rechten, war es schon immer und ist es bis heute geblieben.

"Die autoritäre Revolte" nennt der Historiker Volker Weiß seine Bestandsaufnahme einer Kulturrevolution von rechts - in der auch die AfD ihre Rolle spiele.  

Nachgewiesen sind Verbindungen zur rechtsextremen Gruppe "Identitäre Bewegung", die auf die Realität der Zuwanderung mit Sprechchören wie diesem antwortet:  

Sprechchor
Heimat, Freiheit, Tradition - Multikulti Endstation!

Frauke Petry (aus: "Die Story im Ersten")
In Deutschland wird Volk und völkisch, beides schon mit einer negativen Konnotation benutzt - von vielen. Und das halte ich für falsch.

So erklärt die AfD-Frontfrau einen Nazi-Kampfbegriff für wieder salonfähig. Das Bild der AfD ist unübersichtlich: Mit einem Bein steht sie im Parlament, mit dem anderen sehr weit im rechtsradikalen Milieu.

Volker Weiß
Durch diese Krisensituation haben sich Dinge jetzt zugespitzt. Dass eine diffuse Wut im Bürgertum auf der einen Seite und auf der anderen Seite ideologisch fundierte und organisierte Kader zusammenfinden. Und das ist eben die derzeit gefährliche Situation
.

Das Ergebnis sei eine rechte Sammlungsbewegung, in der Angstszenarien und gefühlte Wahrheit gegen Fakten stehen.  

Melanie Amann
Die Afd hat ja die Leute im Prinzip auf Droge gesetzt, kann man sagen. Also sie haben sie angefixt mit Maximalforderungen, Fundamentalkritik, extrem rauhen, harten Botschaften. Und jetzt müssen die anderen Parteien eben so eine Art demokratisches Methadon-Programm machen und die Leute wieder zurückholen auf den gemäßigteren Ton.

Ob der neue Hoffnungsträger der SPD das schafft?

Europaweit sieht gerade alles nach Sieg für die Vereinfacher, die populistischen Hardliner aus.  

Manche AfD-Anhänger könne man zurückholen, glaubt Melanie Amann - durch vorurteilsfreien Dialog.

Melanie Amann
Jeder sollte sich in seinem privaten Umfeld diesen Themen stellen. Sich auch den AfD-Themen stellen, sie diskutieren, sich die andere Meinung anhören. Man muss diese Offenheit mitbringen - auch wenn das schwierig ist.

AfD und Neue Rechte appellieren ans Gefühl: Darauf muss die Vernunft sich im Wahljahr 2017 wohl einlassen.

Autor: Andreas Lueg

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