- Dagmar Manzel: 'Menschenskind'

Dagmar Manzel kann einfach alles: Große Diva, gnadenlos berlinernde Pflanze, quotenstarke Tatortkommissarin Und immer, immer schaut man ihr gerne zu dabei. Privat ist sie eher scheu. Jetzt erzählt sie in ihrem Buch "Menschenskind" von ihrem Leben.

Vielleicht ist es die Demut, die Dagmar Manzel zu einer so großen Schauspielerin hat werden lassen. Eins ihrer Lieblingswörter. Sich selber zurücknehmen – und spielen. Dann entstehen kostbare Momente, auf der Leinwand, auf der Bühne.

Szene freistehend
"…verlang' von der Welt von mir selber sehr viel…"

Dagmar Manzel, Schauspielerin
In dem Beruf angekommen bin ich eigentlich von Anfang an, weil ich gemerkt habe, wie glücklich ich war, wenn ich auf der Bühne sein konnte. Und wie noch glücklicher ich war, wenn’s den Leuten gefallen hat, was ich gemacht habe. Oder wenn sie berührt waren, oder wenn sie gelacht haben. Das hat mich total… beglückt mich einfach.

Bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule 1977 berlinert sie noch. Heimlich geht sie dorthin, nur die beste Freundin weiß Bescheid. Es klappt. Und dann: Große Regisseure, große Rollen von Anfang an. Regisseur Wolfgang Engel wirft ihr zwar vor, dass sie über die Bühne gehe wie zur Kaufhalle, aber Furore macht sie in seiner "Maria Stuart" dennoch.  

Als Maria: Dagmar Manzel, Studentin im fünften Studienjahr an der Schauspielschule Berlin.

Große Kollegen akzeptieren sie schnell – da hat sie noch massive Selbstzweifel.

Dagmar Manzel
Ich hab‘ ja sofort sehr sehr viel sehr groß gespielt und bin da so gleich reingesprungen in diese Riesenrollen, in diese großen Stücke, Tragödien und alles. Ich war 21, ich wusste manchmal gar nicht, wo ich das alles hinstecken sollte. Ich dachte wirklich, ich halt das nicht aus, das kann man ja gar nicht leben, diesen Beruf.

Ihre Biografie, entstanden aus einem langen Interview mit Filmkritiker Knut Elstermann, hat sie "Menschenskind" genannt. Ein Berliner Lieblingswort der Manzel – Verheißung einerseits, Berliner Erdung andererseits. Nimm Dich nicht so wichtig…

Auch Freunde, Weggefährten melden sich darin zu Wort. Matthias Freihof stand 1989 mit ihr vor der Kamera. In "Coming Out" – dem ersten DEFA-Film über Homosexualität.

Szene freistehend
"Das ist halt der Moment, der mich so bewegt, das find ich halt immer so toll, wenn ich den Film sehe."

Matthias Freihof spielt Philipp, der sich in einen Mann verliebt. Dagmar Manzel spielt Tanja, seine Frau. Ihre Kunst – für Freihof steckt sie in einem Blick.

Matthias Freihof, Schauspieler
Ich mag halt unglaublich, mit wie viel Zwischentönen, sie diese Rolle gespielt hat, die ja auch sehr schwierig war. Es gibt halt einen Moment, wo sie dasteht mit diesen zwei Sektgläsern, das ist ein ganz grausamer Moment.

Dagmar spielt so Stimmungswechsel oder emotionale Wechsel von Figuren innerhalb von Sekunden. Da wird einem schwindlig.

Musik ist die direkte Verbindung zum Herzen, sagt Dagmar Manzel. Vor allem mit Liedern der 20er und 30er Jahre macht sie eine zweite Karriere. Am Sprechtheater, klagt mancher Verehrer, sieht man sie inzwischen zu selten. Auch Ulrich Matthes ist einer ihrer Laudatoren. In "Gift" spielt er mit ihr am Deutschen Theater ein geschiedenes Ehepaar. Wie Jazz ist es, mit ihr zu spielen – sagt er. Frei, ohne Routine.

Szene freistehend

-       Weißt Du, was ich merkwürdig finde? Dass Dinge erst geschehen, wenn Sie Dir egal
        sind, wenn Du sie eigentlich nicht mehr brauchst.

-       Redest Du von mir?

-       Auch.

-       Es ist Dir also egal, dass ich da bin.

-       Das sage ich nicht.

-       Doch, das sagst Du.

-       Aber das meine ich nicht.

Ulrich Matthes, Schauspieler

Sie ist wirklich ein ausgesprochen liebevoller, zugewandter und auch wirklich sehr dünnhäutiger Mensch.

In ihren Paraderollen kann man denken, na, das ist doch so ein Zirkustier. Das ist sie auch. Aber ein dünnhäutiges Zirkustier.

Alltägliches, vermeintlich Banales – das kann bei Dagmar Manzel  beiläufig aussehen und zugleich Ausdruck innerer Dramen sein. Wahre Kunst. Sie liebt es nicht, Privates nach außen zu kehren. Doch im Buch erzählt sie offen, auch von ihrer Krebserkrankung vor einigen Jahren und hofft, anderen damit Mut zu machen.

Dagmar Manzel
Wichtig ist, dass es für mich eine große Veränderung war, die meine lebensbejahende Haltung, die ich eh habe, weil ich ein sehr gläubiger Mensch bin einfach nochmal bestärkt hat. Ich hab‘ einfach Freude. Also, diese Form der Dankbarkeit ist was ganz Anderes geworden.

"Du stehst mit achtzig noch auf der Bühne" hat ihre Kollegin Gudrun Ritter einmal zu ihr gesagt. Das Publikum, darf man vermuten, wird ihr dann immer noch zu Füßen liegen. 

Autor: Steffen Prell

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