Archivbild: Das Werk «Frühlingssturm» von Ludwig von Hofmann wird am 01.06.2016 in Berlin bei einer Auktion gezeigt. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa-Zentralbild

- Mosse: Forschung nach NS-Raubkunst

Rudolf Mosse war leidenschaftlicher Kunstsammler. Seine Sammlung wurde von den Nationalsozialisten zerschlagen und in alle Welt verkauft. Jetzt haben sich einige Berliner Institutionen mit den Erben zusammengetan, um die Mosse-Sammlung zu rekonstruieren.

Roger Strauch hat eine ehrgeizige Mission: Er will unangenehme Wahrheiten aufdecken und versöhnen. Seit fünf Jahren sucht der Kalifornier nach der von den Nazis geraubten Kunstsammlung seines Urgroßvaters Rudolf Mosse. Die Suche führt ihn in die Alte Nationalgalerie zu Susanna: Die Skulptur von Begas gehört jetzt ihm und seiner Familie. 84 Jahre, nachdem sie gestohlen wurde! Eine Skulptur nur von vielen, die noch vermisst werden.

Roger Strauch, Urenkel von Rudolf Mosse (Übersetzung)
Ich bin nicht verbittert darüber; niemand aus meiner Familie. Allerdings macht uns das nicht weniger entschlossen, die Wahrheit aufzudecken und die entsprechenden Werte zurückzubekommen. Mit aller Konsequenz. Das hat viel damit zu tun, wie wir erzogen wurden. Meine Eltern waren nicht verbittert über das, was ihnen, ihrer Familie widerfahren ist. Sie wollten einfach weitermachen.

Der Familie Mosse wurde 1933 alles genommen – von den Nationalsozialisten: der Verlag, Immobilien und eben die Kunstsammlung. Werke von Max Liebermann beispielsweise. Erst drei Dutzend der über 1.000 vermissten Werke konnten aufgespürt werden. Gesammelt von Rudolf Mosse: Mit seinem Zeitungsimperium wird er einer der reichsten Männer der Weimarer Republik. 1920 stirbt er, sein "Berliner Tageblatt" jedoch bleibt die wichtigste liberale Stimme gegen die Nazis. Seine Tochter und ihre Familie mussten emigrieren, sie verloren alles. Zuletzt wurde auch die Sammlung 1934 in der eigenen Villa hier am Leipziger Platz versteigert.

Roger Strauch
Hitler hat nach seiner Machtergreifung die Mosses häufiger attackiert als jede andere Familie. Natürlich, weil sie als jüdische Familie bekannt waren. Ich möchte mit diesem Rechercheprojekt aber auch daran erinnern, dass die Familie Mosse vor allem eine erfolgreiche, stolze, deutsche Familie war, und ganz nebenbei auch jüdisch.

Vom Kunstliebhaber Rudolf Mosse weiß die Urenkel-Generation, die mit Roger in Amerika aufwächst, wenig. Erst durch die Recherchen wird Mosses Vorliebe für ägyptische Antike deutlich. Dieser Löwe: eines von acht Objekten, die von der Stiftung Preussischer Kulturbesitz bereits zurückgegeben wurden. Als "vorbildlich" lobt Roger Strauch die Zusammenarbeit mit Stiftungspräsident Hermann Parzinger. Ein guter Grundstein für das neue Restitutionsprojekt. Wie kompliziert die Suche ist, zeigt die Geschichte der "Susanna".

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Das Stück ist bis 1933 im Besitz der Familie Mosse gewesen. Es taucht dann wieder auf bei den sowjetischen Trophäenkommissionen, dann ist es in 50er Jahren nach Leipzig gekommen, und Anfang der 90er Jahre, nach Wiedervereinigung, eben nach Berlin an die Nationalgalerie. Es ist verfolgungsbedingt entzogen worden und insofern sind wir jetzt in guten Gesprächen mit der Erbengemeinschaft, es möglicherweise für die Alte Nationalgalerie zu erwerben.

Noch wird über den Preis verhandelt; doch die Erben sind an guter Zusammenarbeit interessiert. Das ist auch das Ziel des neuen Mosse- Forschungsprojekts: Erstmals arbeiten Museen, Institutionen und die Provenienzforscher der Freien Universität zusammen, um geraubte Kunst den rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Zwei, drei Jahre wird das Projekt laufen.

Was die Familie zurückbekommt, wird notfalls versteigert – auch um die teure Suche weiter zu finanzieren. 850.000 Euro brachte dieses Menzel-Bild ein. Es macht keinen Spaß, sagt Roger Strauch: Kunst zurückzufordern. Am schwierigsten ist es mit privaten Sammlern. Oft wissen Auktionshäuser zwar, wer welche Werke hat, geben aber keine Informationen weiter.

Roger Strauch
In diesem Fall bleibt uns nur, jeden möglichen Verkauf zu verhindern. Wir haben alle uns bekannten Kunstwerke aus der Sammlung in die öffentliche Datenbank "Lost Art" eingestellt, über 1.000 Objekte. So wird es schwierig, sie zu verkaufen, wenn sie als "gestohlen"gebrandmarkt sind.

Die gemeinsame Suche beginnt an einem historischen Ort, dort wo einst die Villa der Familie stand. Hier haben die Trophäenjäger der Sowjets einst den antiken "Löwen" gefunden. Ein "Happy End"! Auch die Recherche der Provenienzforscherin Tessa Rosebrock führte zu einem guten Ende: dieses Bild von Carl Blechen aus der Mosse-Sammlung konnte im Karlsruher Museum bleiben: Roger Strauch hat es unter dem Marktpreis ans Museum verkauft. Doch all das ist nur ein kleiner Anfang.

Autorin: Petra Dorrmann

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