Lucas Vogelsang (Foto © radioeins / Ralf Schuster)

- "Heimaterde" - ein Buch über Heimat

Der Berliner Journalist  Lucas Vogelsang ist für sein neues Buch der Frage nachgegangen, was Heimat bedeutet – gerade für Menschen, deren Wurzeln ganz woanders liegen. Angefangen hat er damit im Wedding, direkt vor seiner eigenen Haustür.

Kaum war der Berliner Journalist Lucas Vogelsang in diesen Wohnblock im Wedding gezogen, wollte er wissen, wer lebt hinter den Beton-Fassaden? Was sind das für Menschen? Und er hat sich auf die Suche nach ihren Geschichten gemacht.

Lucas Vogelsang, Autor
Das Thema das uns alle in diesen Tagen bewegt ist, wo ist zu Hause, wo ist Heimat, wo kommt man an. Und vor allem, wo liegt deine Heimat und dein Zuhause, wenn deine Wurzeln in einem anderen Land sind, das habe ich gemerkt hier im Wedding, Seitdem ich hier wohne, dass das die Frage ist und nicht dieses sind wir jetzt deutsch, sind wir die neuen Deutschen, sondern wo sind wir zu Hause, wo gehören wir hin.

Also einmal Treppe runter und quer über die Straße: In die Bäckerei gegenüber. Die ist gleichzeitig Spätkauf, Nachbarschaftstreff, Informationsbörse:  Morgens gibt es Kaffee, abends treffen sich die Männer zum Tavlaspielen. Dort beginnt Lucas Vogelsang mit seiner Recherche.

Yasmin
Ein Fremder der auf einmal kam und dann kam er plötzlich und dann hat er so viele Fragen gestellt und das sind wir ja nicht gewöhnt. Man sitzt erstmal, beobachtet langsam, langsam beschnuppert man sich, aber bei Lucas war das ganz anders. Und dann haben wir gesagt, er ist bestimmt von der Kripo.

Solche Kommentare verunsichern ihn anfangs, doch nach und nach gewinnt er das Vertrauen der Menschen. Dann kann er auch die großen Fragen stellen: Was ist Heimat:

"Wo man sich wohl fühlt."

"Wo man zu Hause ist."

"Wo man sich wohl fühlt."

Und jeder ist auf der Welt, überall wo der ist, auch zu Hause, finde ich, die Welt gehört allen, egal wo man herkommt oder wohin man geht. Wo man sich wohlfühlt, das ist die Heimat für einen."

In Berlin will Lucas Vogelsang erstmal nirgendwo anders wohnen. Er mag es, wenn man sich kennt, auf der Straße angesprochen wird, einer für den anderen da ist. Und so wie ihm, geht es hier eigentlich fast allen.

Yasmin
Man ist in zwei Kulturen und das ist auch schön, man hat davon ein bisschen was und davon ein bisschen was.

Katja
Ja, bei mir ist es auch, meine Tochter ist eher so die Deutsche, die zieht auch dann beim Türkei-Deutschlandspiel neben ihrem Papa das Deutschlandtrikot an, ganz mutig, die kämpft dafür. Mein Sohn ist eher so der, der die türkischen Traditionen ein bisschen verkörpert, auslebt und auch dahinter steht und auch sagt, so hat das zu sein, Schwester, du hast neben mir zu laufen.

Yasmin
Alles, was gut ist, nehme ich an, das ist das Schöne daran, wenn man mit zwei Kulturen aufwächst.

Lucas Vogelsang hat den Menschen hier sehr genau zugehört. Überrascht hat ihn, dass es so viel mehr Verbindendes gibt, als Trennendes.

Lucas Vogelsang
Wir reden immer so viel von Grenzen, im Moment immer der Türke, der Deutsche, der Araber, der Christ, der Moslem; dass diese Grenzen so nicht verlaufen, sondern dass die Grenzen eher kulturell verlaufen, dass die Grenzen eher in der Wahrnehmung von Menschen verlaufen. Also, dass du dich eben unten in die Bäckerei setzen kannst oder mit einem Marokkaner an einen Tisch sitzen kannst und du hast ganz viele Sachen, die deckungsglich sind.

Zwei Kilometer liegen zwischen dem Rosenthaler Platz und Lucas' neuem Zuhause. Trotzdem verläuft da so etwas wie eine unsichtbare Grenze. Den meisten seiner Freunde aus Mitte ist der Wedding ein wenig unheimlich. Und den Weddingern ist Mitte zu hip.

Lucas Vogelsang
Ich habe gelernt in der Zeit als ich hier gewohnt habe, aber jetzt auch gerade im Wedding die, die in Mitte oder im Prenzlauer Berg gerade am intensivsten für Zuwanderung die Werbetrommel rühren oder immer nach Integration schreien, die sind diejenigen, die am allerwenigsten dahin kommen, wo Integration und Zuwanderung jeden Tag stattfindet, wie bei uns im Wedding. Wo die Leute, die ja mal zugewandert sind letztendlich wohnen, die wohnen ja nicht hier, aber die Leute, die immer über diese Menschen sprechen würden nicht dahin gehen, wo diese Menschen wohnen.

Für sein Buch ist Lucas Vogelsang vom Wedding aus durchs ganze Land gefahren. Dabei ist er auf spannende und berührende Geschichten gestoßen – darüber, was Heimat alles bedeuten kann.

Autorin: Bettina Lehnert

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