Petra Gute mit Michael Naumann (Quelle: rbb/Stilbruch)
Bild: rbb/Stilbruch

- Im Gespräch mit Michael Naumann - Direktor der Barenboim-Said-Akademie

Als Staatsminister für Kultur hat Michael Naumann um die Jahrtausendwende das heutige Aussehen Berlins und vor allem die Veränderungen in Berlins historischer Mitte entscheidend mitgeprägt. Mit uns schaut er sich an, was er damals mit auf den Weg gebracht hat.

Er war viel auf Achse, zwischen Orten, Ländern, Welten: Michael Naumann, ein Kultur-Tausendsassa. Als Kulturstaatsminister war er mittendrin dabei, als Berlins immer wieder heiß diskutierte "neue Mitte" Gestalt annahm.  

Michael Naumann, Direktor der Barenboim-Said-Akademie
Was sich hier abspielt ist eine kulturelle, kulturpolitische Erinnerungsdiskussion: Wer sind wir eigentlich, wozu brauchen wir diese riesigen Kästen hier? Allein die Debatte finde ich meistens amüsant, man lernt eine Menge
.

Wer etwas über Michael Naumann und sein Leben mit der Kultur lernen will, kann jetzt seine Autobiographie lesen: "Glück gehabt". Es ist persönliche Chronologie und  Zeitgeschichte der Bundesrepublik.

Michael Naumann
Der Titel Glück gehabt entspricht meinem Lebensgefühl, ich hab Glück gehabt. Es ist mir allerdings auch klar geworden, wieviel unendlich viel Lebensläufe - auch die unserer Zuschauer hier - durch den nackten Zufall definiert werden. Man kennt jemanden, der kennt jemanden, man kriegt ein Angebot, in einen Beruf zu gehen.

1944: Michael Naumann auf dem Schoß der Mutter, sein Vater fiel in Stalingrad.

Später die Flucht aus der DDR nach Hamburg, wo dem jungen Mann bald auffällt, dass beim Wiederaufbau die Nazivergangenheit schnell mit begraben wird: Das "deutsche Schweigen".

Zeitgeist-Wende und antiautoritäre Revolte: Der Philosophie-Student Michael Naumann ist dabei.

Michael Naumann
Im Rückblick muss ich sagen, das waren politisch irrelevante Zeiten, sie hatten nichts zu tun mit dem was die Bevölkerung sich wünschte. Aber sie hatten viel zu tun mit der Generation derer die dann in die Medien gingen, ich selbst auch.

Ende der 60er wird er Reporter beim Münchner Merkur, berichtet von Prozessen gegen APO-Revoluzzer.  

Gleich danach geht Naumann zur ZEIT nach Hamburg. Begleitet Willy Brandt, hier kurz vor seinem Rücktritt 1974.

Und in Belfast wird er Zeuge des mörderischen Nordirland-Konflikts.

Dann goldene Zeiten in Amerika: als Korrespondent des SPIEGEL Anfang der 80er Jahre.

Michael Naumann
Diese Zeit in Kalifornien habe ich sehr genossen, weil ich da Motorrad fuhr, als Journalist durch das Land fuhr, mit einem Walkman -den gab's damals gerade - im Ohr. Und mit Wagner auf dem Highway und einer Yamaha zwischen den Beinen durch das Land zu reisen - das war die Erfüllung eines journalistischen Ideals, das sich gewissermaßen erst entwickelte, als ich es erfand: Das wird es nie wieder geben.

Schließlich wird er Verlagsleiter bei Rowohlt, Naumann gewinnt reihenweise Nobelpreise mit Autoren wie Toni Morrison oder Elfriede Jelinek. Dann gründet er noch schnell einen Verlag in New York.

Michael Naumann
Und das habe ich dann zweieinhalb, drei Jahre gemacht bis Anruf von Schröder kam, den ich ja mal kennengelernt hatte als Anwalt eines Lektors vor Gericht, den ich gefeuert hatte. Der erinnerte sich an mich. Ich bin da sehr frech mit ihm umgegangen, das fand er witzig, wie überhaupt Schröder ja Leute akzeptiert, die ihm etwas breitbeinig, wie er selbst es ist gegenübertreten.

Seinem Kulturstaatsminister spendiert  Gerhard Schröder 1998 mal eben 2 Milliarden Mark Etat: So gut wie Naumann damals fühlte sich wohl keiner seiner Nachfolger.  

Michael Naumann
Also, "libidodominant" ist übertrieben. Aber schon die Vorstellung, eine riesige Summe einzusetzen um das zu  befördern  was ich liebte: Theater, Filme, Bücher, eben Kultur. Und selbstverständlich, und jeder Politiker, der das leugnet, dem glaube ich nicht, gehört dazu auch eine nicht unbeträchtliche Form der Eitelkeit.

Ganz uneitel arbeitet Michael Naumann heute mit an einer Utopie. Als Rektor der Barenboim-Said-Akademie versucht er durch Kultur dem Hass im Nahen Osten, Hoffnung entgegen zu setzen.

Aber was ist nun mit der Erinnerungskultur? Den "großen Kästen" in Mitte - oder der mal an-, dann wieder abgesagten Einheits-"Wippe"?

Michael Naumann
Uns ist ne Revolution gelungen. Dass da auch ne Einheit bei heraussprang ist OK. Aber wichtig war, den Deutschen und sich selbst zu zeigen, wir können auch Revolution, wir können Freiheit herstellen. Das zu erinnern ist eine viel wichtigere Aufgabe meines Erachtens,  es ist die Aufgabe auch der Historiker in den Schulen, im Unterricht -  ne Wippe allein hilft da nicht.

Michael Naumann hat seine Erinnerungen aufgeschrieben. Aber er lebt und engagiert sich in der Gegenwart. Und - für ein Gedenken, das die Zukunft im Blick hat. 

Autor: Andreas Lueg

weitere Themen der Sendung

ARD CHARITE, historische Krankenhausserie mit sechs Folgen, Folge 1 "Barmherzigkeit", am Dienstag (21.03.17) um 20.15 Uhr (Quelle: © ARD/Nik Konietzny)

"Charité" - die neue Eventserie der ARD

In der Berliner Charité wurde Medizingeschichte geschrieben. Eine sechsteilige ARD-Serie nimmt uns ab kommender Woche mit in die Zeit, als die Charité auf dem Weg ist, das berühmteste Krankenhaus der Welt zu werden.

Joy Denalane (Quelle: Gregor Fischer/dpa)

Soulmusikerin Joy Denalane mit neuem Album

"Gleisdreieck" heißt das neue Album der Berliner Soulmusikerin Joy Denalane. Es ist sehr persönlich, sehr Berlin und zugleich hochpolitisch. Denn es erzählt auch von dem Land, in dem Joy Denalane aufgewachsen ist und das sich gerade sehr verändert. 

Lucas Vogelsang (Foto © radioeins / Ralf Schuster)

"Heimaterde" - ein Buch über Heimat

Der Berliner Journalist  Lucas Vogelsang ist für sein neues Buch der Frage nachgegangen, was Heimat bedeutet – gerade für Menschen, deren Wurzeln ganz woanders liegen. Angefangen hat er damit im Wedding, direkt vor seiner eigenen Haustür.

Iranische Frauen bei der Probe (Quelle: rbb)

Kulturtipps

Tipp 1: Festival "female voices of Iran"
Tipp 2: Ausstellung "Verloren in Berlin und Bukarest"
Tipp 3: Theaterfestival "Stundenhotel #3"

Filmstill aus "Happy" von Carolin Genreith (Quelle: Corso Film)

"Happy" - ein anrührender Dokumentarfilm

Als die Regisseurin Carolin Genreith erfährt, dass sich ihr Vater im Thailandurlaub in eine 30 Jahre jüngere Frau verliebt hat, ist sie zunächst peinlich berührt. Doch dann begleitet sie ihren Vater mit der Kamera - und schafft einen anrühenden Dokumentarfilm: "Happy".