Foto mit Dominik Schottner und seinem Vater (Quelle: D. Schottner/rbb)
Bild: rbb

- 'Dunkelblau: Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor'

Kein Rauschmittel ist gesellschaftlich so legitimiert wie Alkohol. In Deutschland sind fast zwei Millionen Menschen alkoholsüchtig. Der Berliner Autor und Journalist Dominik Schottner hat seinen Vater an den Alkohol verloren.

Buchzitat:
Wann ist das losgegangen, mit dem Alkohol?
Bier oder Wein? Was ist mit Schnaps? Über den Tag verteilt?
Ist es ok, wenn ich ein Bier trinke?

Es ist der Journalist Dominik Schottner, der sich diese Fragen stellt. Sein Vater hat sich zu Tode getrunken; hat einfach immer weiter gemacht, bis es am Ende zu spät war. Im Buch heißt es: "Als wäre es das Leben nicht wert, mit einem beherzten Tritt auf die Bremse alles anzuhalten."

Dominik Schottner, Autor
Was mich ärgert über mich ist, dass ich ihm nicht vermitteln konnte, dass das Leben, auch wenn es mal scheiße läuft und wenn es mal richtig scheiße läuft, es wert ist auf diese Bremse zu treten und zu sagen: sich umzuschauen zu sagen, es gibt genügend, wofür sich dann eben doch zu leben lohnt.

Die Leber seines Vaters zerfressen, er hatte Sehstörungen. Vor zwei Jahren ist er gestorben. Immer wieder hat Dominik Schottner seitdem die Unterlagen seines Vaters durchforstet und sich gefragt: Wie konnte es dazu kommen? Keiner hat ausgesprochen, dass der Vater süchtig war, es gab Anläufe, einen Entzug zu machen. Den Anmeldebogen hatte er schon ausgefüllt.

Buchzitat
Eine Frage: Welche Lebensereignisse stehen im Zusammenhang mit ihrer Suchtentwicklung? Da schreibt er ein Fragezeichen hin.”

Auf Fotos sucht Dominik Schottner nach Spuren: Wann hat die Sucht eigentlich angefangen?

Der Vater ist Volkswirt, raucht Pfeife, sein Fußballverein ist der 1.FC Nürnberg. Er feiert gern, hat einen Schlag bei Frauen. So beschreibt ihn sein Sohn. Mit Frau und Kind lebt er in einem Münchner Vorort. Die Eltern trennen sich. Er ist 16 Jahre lang arbeitslos. Die Beziehung zwischen Dominik Schottner und seinem Vater kühlt ab. Sie telefonieren nur selten – sehen sich noch seltener. Irgendwann wird klar: Das hat mit der Sucht zu tun.

Dominik Schottner
Jemandem zu sagen, trink' weniger, ist immer auch ein Eingriff in die Autonomie von jemandem. Und das ist total schwer. Und dazu kommt, dass Alkoholiker das immer erst mal abstreiten das hatte auch gemacht, als ich schon längst wusste, dass er Alkoholiker ist. Er hat immer noch abgestritten. Und erst dann nach dem fünften, sechsten, siebten Mal, als ich gesagt habe Papa, du redest so komisch ist da irgendwas? Hatte irgendwann mal verschämt in einer E-Mail gesagt, dass er zu viel trinkt.

Dominik Schottners Frau treibt ihn immer wieder an alles aufzuschreiben. Dass es nicht leicht war, dieses Buch zu schreiben, merkt man beim Lesen. Auch ihr Vater ist am Alkohol gestorben. Und weil Kinder von Alkoholkranken statistisch gesehen suchtgefährdeter sind, ist das Thema immer da. Wenn Freunde zu Besuch kommen, gibt es auch Alkohol. Sie wollen irgendwie "normal" damit umgehen.

Dominik Schottner
Ich kann das auch genießen, aber es ist irgendwo im Hinterkopf immer präsent und das nervt mich auch manchmal ganz krass. Jetzt lass halt los. Das war dein Vater, der war krank und du bist es nicht. Und Du kannst jetzt schon mal ein Bier trinken.

Ob er am Tod seines Vaters etwas hätte ändern können? Natürlich lässt sich diese Frage nicht beantworten. Bei der Recherche hat er in Gesprächen mit seiner Mutter, Freunden und Geschwister nach Antworten gesucht. Und schildert einen Lebenslauf, wie ihn viele andere auch hätten haben können.

Dominik Schottner
Das ist eher wie ein Spiegel für die. Die lesen das und fühlen sich erinnert an ihren Vater, Bruder, Onkel, seltener an Mütter, weil eher Männer trinken als Frauen und da spielt die Geschichte meiner Familie, das ist wie ein Katalysator, dass das Nachdenken angeregt wird.

Das Buch macht klar: Bis ein Mensch am Alkohol zugrunde geht, vergeht viel Zeit - jeder Moment kann der richtige sein, auf die Bremse zu treten.

Autorin: Julia Riedhammer 

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