Demonstranten im Sitzstreik werden am 02.06.1967 vor dem Rathaus Schöneberg in Berlin von der Polizei beobachtet. (Quelle: dpa)

- Der Schah-Besuch 1967

Vor 50 Jahren waren der Schah von Persien und seine Frau auf Staatsbesuch in Berlin. Was als friedlicher Protest gegen den Besuch begann, eskalierte schließlich mit der Tötung des Studenten Benno Ohnesorg. Wir haben mit dem Historiker Eckard Michels über die Geschehnisse von 1967 gesprochen. (Das Video zum Beitrag ist aus lizenzrechtlichen Gründen nicht verfügbar.)

Bei Einbruch der Dunkelheit wird an diesem 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper ein Schuss fallen, der das Land verändert.

Bis heute wird es als das Fanal der Studentenbewegung gewertet. Die Straße vor der Deutschen Oper wird zum Schauplatz einer geschichtsträchtigen Eskalation. Es ist der Beginn des westdeutschen roten Jahrzehnts. "Schahbesuch 1967". Der Historiker Eckard Michels hat die Hintergründe recherchiert und den Schahbesuch in seine Einzelteile zerlegt.

Eckard Michels, Historiker
Man muss sehen, dass man die Zuspitzung am 2. Juni in Westberlin nur verstehen kann, wenn man weiß, das der Schah schon vorher sechs Tage durch die Bundesrepublik gereist ist und es an allen Reisestationen zu Protesten und auch zu staatlichen Überreaktionen gekommen ist.       

27. Mai 1967. Flughafen Köln/Bonn. Der Schah ist da. Der Staatsbesuch von Mohammad Reza Pahlavi und Modeikone Farah Diba nimmt seinen Lauf. Bundespräsident und Regierung hofieren ihn als prowestlichen, sozialen Reformer. Er ist kein beliebiger Autokrat aus der Dritten Welt, sondern der "Herrscher der Goldenen Jahre".

Eckard Michels
Auf der einen Seite war natürlich der Schah mit seiner Frau eine, wie man heute sagen würde Celebrity, die auf große Aufmerksamkeit in der westdeutschen Öffentlichkeit rechnen konnten und zum Zweiten gab es natürlich knallharte politische Interessen seitens der Bundesregierung, da war vor allem die Angst dominant, dass, wenn man den Schah nicht hofieren würde, er womöglich engere Kontakte zum Ostblock und auch zur DDR schließen könnte.

Und der Westen ist fasziniert von der Pracht seines Hofes und der Schönheit seiner Ehefrauen. Farah Diba ist seit 1959 die Schahbanu, die dritte Frau des Schahs. Sie ziert weltweit die Titelseiten.

Als aufgeklärte Herrscher wollen sie die rückständige Nation Iran in die Moderne führen: Bekämpfung des Analphabetentums, Einführung des Frauenwahlrechts.

Eckard Michels   
Diese Entwicklung sollte nur nach seinen Vorgaben erfolgen, ohne Mitsprache des Parlamentes oder anderer gesellschaftlicher Interessengruppen und insofern war er ein uneingeschränkter Autokrat. Der mehr und mehr zu Selbstherrlichkeit neigte und er war umgeben von einem Team von Höflingen und Politikern die ihm auch nicht wagten die Wahrheit zu sagen.                   

Das kaiserliche Paar hat für den Staatsbesuch Zeit mitgebracht, neun Tage ging es durch Deutschland.

Die starke, iranische Opposition in der Bundesrepublik protestiert schon zu Beginn der Reise. In Bonn kommt es zu 61 Festnahmen. Aus Angst vor Anschlägen fährt der Staat den Polizeiapparat hoch. Für kritische Geister eine Art Notstandübung. In dieser explosiven Stimmung springt dann der Funke von der iranischen Opposition auf den linksradikalen Berliner Studentenbund SDS über.

Der Historiker Eckard Michels arbeitet heraus, wie ein einzelnes Buch über persische Verhältnisse die Berliner Studentenschaft animierte gegen den Schah zu demonstrieren. Geschrieben hat es der Exil-Iraner Bahman Nirumand. Das Buch wird in akademischen Kreisen zu einem Bestseller. Nirumand, Dutschke und Co. agitieren am Vorabend des 2. Juni im Audimax der FU.

Bahman Nirumand (im Audimax der FU, 1967)
… schon in der Anklageschrift werden die Angeklagten schuldig im Sinne der Anklage befunden. Die Untersuchungsrichter mühen sich nicht mit langen Verhören ab. Geständnisse werden durch Folter erzwungen.

Eckard Michels
Das war natürlich eine ganz wichtige Auftaktveranstaltung für den 2. Juni, weil im Audimax ungefähr 2.000 Studenten versammelt waren und anscheinend aus erster Hand, nämlich durch einen iranischen Autor, der gleichzeitig auch als Augenzeige gelten konnte, aufgeklärt wurden über die Verhältnisse im Iran.

Original-Kommentar-Ton (1967)
Auf dem Platz vor dem Schöneberger Rathaus erwartet  man die erste Welle des Widerspruchs. Die Polizei sammelt Studentenportraits, dann kommt der Schah.

Eckard Michels, Historiker
Die Jubelperser waren Mitglieder der iranischen Kolonie, das iranische Konsulat in Westberlin hat eben entsprechende Menschen aus der iranischen Kolonie in Westberlin ausgewählt für diese Jubelaufgabe. Und hat denen ein Tagegeld bezahlt und auch die Busse gemietet  mit denen die, die verschiedenen Reisestationen des Schahs in Westberlin besucht haben.

Das kaiserliche Paar besucht am Abend dieses 2. Juni die Deutsche Oper, draußen versammeln sich mehrere tausend Menschen. Es kommt zur Konfrontation: Die Polizei drängt die "Jubelperser" in eine Seitenstraße und knüppelt die Demonstranten nieder.

Original-Kommentar-Ton (1967):
Bei Einbruch der Dunkelheit fällt ein Schuss.

Eckard Michels, Historiker
Man kann nicht leugnen, das für viele Studenten der Tod Ohnesorgs ein Moment war, wo sie angefangen haben, die Verhältnisse in der Bundesrepublik wirklich in Frage zu stellen, aber das war eben nur eine Minderheit.

Eckhard Michels gelingt es in seinem Buch die Chronologie des Schahbesuches aufzuschlüsseln und zu zeigen, warum sich der 2. Juni 1967 tief ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat.

Autor: Sascha Hilpert

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