Brunhilde Pomsel in "Ein deutsches Leben" (Filmstill, Quelle: Salzgeber Medien, Screenshot: rbb)

Goebbels persönliche Stenographin - Dokumentation 'Ein deutsches Leben'

Brunhilde Pomsel war die persönliche Sekretärin von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Im Januar dieses Jahres starb sie im Alter von 106 Jahren. Aus ihren Gesprächen mit Regisseur Olaf Müller entstand die Dokumentation "Ein deutsches Leben".

Er ist zum ersten Mal hier im Haus des Rundfunks. Dabei beginnt hier die Geschichte die Olaf Müller erzählt: ein Porträt von Brunhilde Pomsel, der schnellsten Stenotypistin und der späteren Schreibkraft von Joseph Goebbels. Ein einziges Foto erinnert an damals.

Olaf S. Müller, Regisseur
Naja, das ist Brunhilde Pomsel als Sekretärin vermutlich hier im Haus des Rundfunks und man hier schon einiges so wie sie sich selbst beschreibt, sie wirkt hier durchaus fröhlich, lebenslustig. Dann stellt sich aber gleich die Frage, wie kann eigentlich diese Frau, die man doch als so sympathisch empfindet, wie kann das geschehen, dass so eine Frau an die Seite eines der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts kommt.

105 ist Brunhilde Pomsel als sie den Dokumentarfilmern ihr Leben erzählt – sehr ehrlich.

Filmszene "Ein deutsches Leben", Brunhilde Pomsel
Ich denke, dass ich viel in meinem Leben falsch gemacht habe und damals habe ich nicht darüber nachgedacht, da gehörte ich dahin. Ich war immer sehr pflichtbewusst, meine Arbeit, darauf konnte man sich verlassen, das klappte, stimmte. Und wenn ich an einem Platz stand, dann hatte ich ihn auszufüllen.

Ab 1933 arbeitet sie als Sekretärin in der Abteilung Zeitfunk der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft. Dafür tritt sie in die NSDAP ein. Joseph Goebbels ihr Chef – sie erinnert ihn zurückhaltend und niemals laut. Entlarvend ist für sie erst seine Rede im Sportpalast:

Filmszene "Ein deutsches Leben", Brunhilde Pomsel
Dass ein Mensch – ein Mensch,  in der Lage war, Hunderte von Menschen dazu zu bringen, dass sie schreien, schreien, schreien: Ja, wir wollen den totalen Krieg - wenn man es heute jemandem erzählt, die müssen doch alle den Kopf schütteln und sagen: 'a, waren die denn alle besoffen, wie kamen diese Menschen dazu?

Nichts erinnert im Haus des Rundfunks an damals. Der große Konferenzraum in dem Goebbels saß ist heute  Bibliothek. Wie kam Olaf Müller auf die Geschichte von Brunhild Pomsel, was interessierte ihn daran.

Olaf S. Müller
Natürlich würde ich sagen, ich finde, das ist eine grausame Zeit gewesen, es ist eine verbrecherische Zeit gewesen, was da passiert ist, ist furchtbar. Bloß die Frage ist, hättest du sozusagen selbst die Stärke gehabt zu widerstehen. Wann wärst du aufgestanden und hättest Dein Nein gestanden? Hättest du das getan? Und da kann ich jetzt nicht so aus reinstem Herzen sagen, ich hätte garantiert widerstanden. Ich weiß, das nicht. Ich kann das nicht sagen.

Der Film wertet nicht. Er ist eher eine Materialsammlung: Archivmaterial, O-Töne und immer wieder die Frage, warum haben sich so viele von den Nazis vereinnahmen lassen:

Filmszene "Ein deutsches Leben", Brunhilde Pomsel
Ich könnte keinen Widerstand leisten. Ich würde mich das nicht trauen. Ich würde sagen, nein, ich kann es nicht. Ich gehöre zu den Feigen.

Bis April 1945 arbeitet Brunhilde Pomsel im Reichspropagandaministerium als persönliche Stenographin von Joseph Goebbels. Von den Verbrechen der Nazis habe sie aber nichts mitbekommen.

Olaf S. Müller
Wie kann man auf der einen Seite eine jüdische Freundin haben, auf der anderen Seite hier in dem Ministerium arbeiten? Vielleicht ist es auch der Wunsch nichts wissen zu wollen, um nicht in den Konflikt mit der eigenen Biographie zu geraten oder um nicht in die Situation zu kommen, etwas tun zu müssen.

Nach Kriegsende lebt Brunhilde Pomsel fünf Jahre in russischen Gefangenenlagern. Danach knüpft sie an alte Verbindungen aus ihren Anfängen beim Rundfunk an und arbeitet bis zu ihrer Pensionierung als Chefsekretärin bei der ARD.

Filmszene "Ein deutsches Leben", Brunhilde Pomsel
Mein einziges Leben, mein Schicksal, mein, meins, letzten Endes doch nur an sich gedacht hat, habe ich manchmal ein bisschen schlechtes Gewissen, denke ich, irgendwie ist man selber schuld beziehungsweise, ich bin sogar dankbar oft und denke, du bist eigentlich doch immer wieder gut weggekommen.

"Ein deutsches Leben" kommt Brunhilde Pomsel sehr nah – mit all ihren Widersprüchen. Und das hat man so selten gesehen.  

Autorin: Bettina Lehnert 

weitere Themen der Sendung

"Jüdische Familie am Strand"; © Federica Valabrega

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