Birgit Jochens (Screenshot, Quelle: rbb)
Bild: rbb

Über den Berliner Boulevard - 'Kantstraße' von Birgit Jochens

Chinesisch, japanisch, vietnamesisch, koreanisch: In der Berliner Kantstraße leben und arbeiten Menschen aus verschiedenen Nationen, Ethnien und Religionen. Die Autorin Birgit Jochens stellt uns den Berliner Boulevard der Einwanderer näher vor.

Sie ist eine Straße der Gegensätze, kleine Imbissbuden, neben Edelboutiquen, Alteingesessene neben gerade erst Angekommen – eine Straße, die für Berlin steht, wie kaum eine andere, weltoffen, manchmal ein wenig schmuddlig, aber immer voller Leben.  

Birgit Jochens lebt nicht weit weg von hier und kennt die Straße seit Jahrzehnten. Jetzt hat sie die Geschichte der Straße aufgeschrieben.

Birgit Jochens, Autorin
Ich habe die Kantstraße als reine Geschäftsstrasse mit nicht besonders schönen Aussehen wahrgenommen und habe festgestellt das sich das Image sehr deutlich verändert, dass die Kantstraße auch im Contest Coolness-Punkte gewinnt und dachte mir wenn die jetzt so für alles neue aufgeschlossen ist, diese Strasse gibt es da auch Geschichte.

1890 wird die Straße angelegt. Als Architekt Bernhard Sehring, das Theater des Westens baut, kommen viele Emigranten und Künstler hierher.Der Maler Max Liebermann leitet hier die Berliner Session neben dem Theater des Westens.  

Gleich gegegnüber studieren höhere Töchter  in der "Kunstschule des Westens" Malerie. Eine weltoffene Atmosphäre, ist es von der Birgit Jochens erzählt. Sie hat in historischen Adressbüchern recherchiert. Übrigens das allererste chinesische Restaurant in Berlin heißt "Tientsin"  und eröffnet 1923.

Birgit Jochens
Das überhaupt so viele Restaurant sich hier angesiedelt waren, lag an den chinesischen Studenten, die hier zur Untermiete in der Kantstraße gewohnt haben, weil sie meistens an der Technischen Hochschule studiert haben, weil hier der Verein der chinesischen Studenten anzutreffen war und weil es zur Chinesischen Gesandtschaft nicht weit wer.

Heute gibt es mehr als 25 asiatische Restaurants in der Strasse. Seit 14 Jahren betreibt Hsien Kuo Ting (Sein Ku Ting) sein "Lon-Men´s Noodle House".

1968 ist er nach Berlin gekommen, hat Abitur und eine Ausbildung als Restaurantfachmann gemacht.

Hsien Kuo Ting, Restaurantbesitzer

Wir sprechen oft Mandarin, das ist hochchinesisch. Und wenn das nicht klappt, sprechen wir auch deutsch.

Hsien Kuo Ting fühlt sich als Berliner und die Straße ist sein zuhause.

Hsien Kuo Ting
Ich denke, was wir auf der Kantstraße erleben, solche Sachen, die Integration ist vollkommen gelungen, man versteht sich unter einander, die Voraussetzung ist die deutsche Sprache.

Der Koreaner Jeona Han hat Betriebswirtschaft studiert. Er eröffnete seinen Imbiss vor gut 2 Jahren. Koreanische Köstlichkeiten bereitet er selbst zu. Er ist in Berlin geboren und musste die koreanische Kultur erst für sich entdecken.

Jeona Han
Später habe ich auch erkannt, dass die südkoreanische Kultur mir sehr wichtig ist und habe auch die Liebe zu dem Projekt auch entwickelt, auch mit den Freunden, meine beiden Partnern sind Halbkoreaner.

Einwanderer haben der Straße ihr Gesicht gegeben.  In diesem Haus beispielsweise saß vor hundert Jahren ein Teppichhändkler im Schaufenster, knüpfte Teppiche, um Kunden in seinen Laden zu holen. Gewohnt hat er oben im Haus.

Birgit Jochens
Wenn wir heute von dem Boulevard der Einwanderer reden, wenn wir von der Kantstraße sprechen, dann konzertiere ich, dass hier wie sonst nirgendwo in Berlin extrem viele Nationalitäten mit ihren Geschäften vertreten sind und reibungslos nebeneinander arbeiten und leben, dann hat das meines Erachtens damit zu tun, dass Migration hier eine ganz lange Tradition hat.

Der persische Schriftsteller Hedayat wollte bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auf der Kantstrasse eine Buchhandlung eröffnen. Doch er es kam nicht dazu. Er starb in Paris. Der iranische Literat Abbas Maroufi hat die Idee aufgegriffen. Vor 10 Jahren eröffnete er seine persische Buchhandlung. Hier druckt er zusammen mit seiner Tochter im Iran verbotene Bücher. Die Straße ist für ihn ein Ort der Freiheit.  

Abbas Maroufi, Schriftsteller
Die Kantstraße ist eine besondere Straße und jeden Tag, manchmal Nacht, will ich spazieren und ich gucke und ich kenne die Straße wie meine Hand.

Autorin: Margarete Kreuzer

weitere Themen der Sendung

"Jüdische Familie am Strand"; © Federica Valabrega

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