Marc Sinan (Screenshot; Quelle: rbb)
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"I EXIST – nach Rajasthan" im Radialsystem - Das neue Musikprojekt von Marc Sinan

Er hat ein Talent dafür, Menschen aus aller Welt zusammen zu bringen: Für sein neues Musikprojekt "I EXIST – nach Rajasthan" ist Marc Sinan bis ins indische Rajastan gefahren – und hat Musiker von dort jetzt hierhergeholt.

Berlin Hohenschönhausen. Die Inder sind da. Papamir, Raju Bhopa und Dayam Khan kommen aus der tiefsten Provinz in Rajasthan. Sie sprechen kein Wort Deutsch. Raju ist zum ersten Mal fern von ihrem Dorf. 6000 Kilometer sind sie und die anderen gereist, um mit Marc Sinan Musik zu machen.

Marc Sinan, Gitarrist und Komponist
Was mir unendlich leicht fällt: Diese Menschen zusammen zu bringen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, und es entsteht was Gemeinsames. Es entsteht ein gemeinsamer Boden. Ich glaube, das ist meine Rolle. Meine Funktion im Leben.

Obwohl es kalt ist, fühlen sie sich bei Mark zuhause, das ist etwas, was er kann, Menschen Unterschiede vergessen lassen, er selbst ist damit aufgewachsen, sein Vater Deutscher, seiner Mutter Türkin. Zuhause spielte es nie eine Rolle, woher jemand kommt und was einer macht.

Seine liebste Art von Dialog: Einfach losmusizieren, improvisieren.

Im Auftrag der Dresdner Sinfoniker soll Marc Sinan diesmal ein Stück über die Roma komponieren. Er selbst ist aber kein Roma.

Marc Sinan
Was mich schon immer zutiefst geprägt hat: zwischen den Stühlen zu sitzen, zwischen den Kulturen, zwischen den sozialen Schichten, zwischen den Intellektuellen und den Leuten, die auf dem Feld arbeiten. Was mich beschäftigt hat: Warum es diese Grenzen gibt und wie man sie überwindet.

Marc Sinan tut, was wenige machen: hinfahren, Menschen auf sich zukommen lassen. Wie nach Rajasthan, von hier stammen die Roma ursprünglich. In der Musik findet er seinen Zugang zur fremden Kultur. Die Roma und ihre indischen Nachfahren zu denen auch Raju und ihre Brüder gehören, teilen ein Schicksal: Sie sind Außenseiter. Damit kann Marc Sinan sehr viel anfangen.

Marc Sinan
Für mich war immer das Gefühl: Ich gehör nicht dazu, aber das ist echt richtig gut. Im Nicht Dazugehören hab ich mich am besten gefühlt.

Wer verstehen will, wie Marc Sinan tickt, muss seine Lebensgeschichte hören. Er wächst in den 70er Jahren in Bayern auf. Ein Vorstadt-Junge, dem man nicht ansieht, dass er Deutsch-Türke ist. Wegen seiner Herkunft ausgegrenzt zu werden, das kennt er. Aber nur aus den Erzählungen seiner dunkelhaarigen Cousins.

Marc Sinan
Mein Vater war ein Berliner, der unglaublich introvertiert war. Meine Mutter war diese extrem extrovertierte Türkin, die es geschafft hat, sich in Deutschland so zu integrieren, wie man es besser nicht sein kann. Erfolgreiche Geschäftsfrau geworden, obwohl sie unheimlich klein anfangen musste.

Erst als Jugendlicher erfährt Marc Sinan, dass seine Großmutter Armenierin war und ihre ganze Familie beim Völkermord verloren hat. Er verarbeitet das Trauma im Herbst 2016 mit der zeitgenössischen Komposition "Aghet" für die Dresdner Sinfoniker.

Marc Sinan glaubt, dass die Musik versöhnen kann. Er will sie im deutschen Konsulat in Istanbul aufführen. Dass das der türkischen Regierung nicht passt, kalkuliert er ein. Doch am Ende ist es das Auswärtige Amt, das die Show in vorauseilendem Gehorsam absagt. Marc Sinan ist darüber bis heute fassungslos. Die Haltung der Bundesregierung gegenüber Erdogan findet er fatal.

Marc Sinan
Die Türkei ist kein Partner. Das ist ausgeschlossen. Ich finde auch die Frage nach dem: Können hier politische Reden gehalten werden, Ja oder Nein…? Man würde doch auch nicht einen Diktator irgendeines anderen Landes eine Wahlkampfrede halten lassen, weil wir sagen würden: Nein, das entspricht nicht unseren Vorstellungen.

Kunst ist immer politisch, sagt Marc Sinan.  Er will Debatten anstoßen. Aber erst mal gibt’s Spätzle – für alle. 

Autorin: Patricia Corniciuc

weitere Themen der Sendung

"Jüdische Familie am Strand"; © Federica Valabrega

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