Bild zum Film: Sherlock - Der Reichenbachfall, Quelle: rbb/Degeto/BBC/Hartwood Films 2012

- 'Mind Games' über die Figur Sherlock Holmes

Sherlock Holmes ist der bekannteste Detektiv der Welt, aber auch ganz schön gestört. Ein kriminologisches Genie, emotional aber eine komplette Null. Der Filmwissenschaftler Andreas Jacke analysiert in seinem Buch "Mind Games" die Figur Holmes und seine Neurosen.

Sherlock Holmes bei der Arbeit. In der BBC-Serie können wir ihm erstmals beim Denken zuschauen. Ein kluger filmischer Kniff, der die berühmten Kombinationen der Romanfigur bildlich nachvollziehbar macht.

Der Filmwissenschaftler Andreas Jacke hat sich in Sherlock Holmes hineinversetzt und ihn auf die Couch gelegt. Mit Hilfe der Psychoanalyse vergleicht er die Romanfigur von Arthur Conan Doyle mit Sherlock in der gleichnamigen BBC-Serie. Seine Gedanken und Beobachtungen hat er aufgeschrieben in seinem Buch "Mind Games".

Andreas Jacke, Filmwissenschaftler

"Der Unterschied zu einer normalen Krimiserie ist eigentlich, dass es keine Detektivserie ist, sondern eine Serie über einen Detektiv. Also, es ist eigentlich die Holmes-Figur und es geht eigentlich darum, wie er die Fälle löst und nicht um die Fälle als solche."

Während Sherlock Holmes seine Fälle analysiert, raucht er Pfeife und trägt manchmal einen Jagdhut. So hat ihn der britische Schriftsteller Arthur Conan Doyle im 19. Jahrhundert erfunden. Sein Detektiv wird zur Kultfigur - bis heute in Büchern und Filmen vielfach zitiert.

Andreas Jacke versucht Sherlock Holmes auf die Spur zu kommen und verfolgt seine Darstellung über die Jahrzehnte. In der deutschen Verfilmung "Sherlock und das Halsband des Todes", gespielt von Christopher Lee, ist Holmes wie schon in Doyles Geschichten ein Soziopath.

Auch in diesem Film ist der klassische Sherlock Holmes zwar hoch intelligent und überaus effektiv im Lösen seiner Fälle, aber zugleich drogensüchtig und beziehungsunfähig.

Andreas Jacke, Filmwissenschaftler
"Psychoanalytisch ist Holmes eben so eine Mischung, auf der einen Seite hat er diese zwanghafte Ebene, jede Staubspur zu analysieren, und auf der anderen Seite hat er eben diese kognitiven Höhenflüge, die auch so ein bisschen was Größenwahnsinniges haben, weil er die Welt mit seinem Brain komplett abtastet, analysiert und auch versteht."

Die BBC Verfilmung macht aus der durchaus hochintelligenten Romanfigur einen modernen Superhelden mit geradezu übernatürlichen Fähigkeiten - und zerstörerischen Problemen: Sherlock Holmes wird zum Drogen-Junkie, der sich selbst überlistet.

Andreas Jacke, Filmwissenschaftler
"Schon bei Doyle wird diese Sucht ausführlich beschrieben in den ersten beiden Romanen. Er benutzt immer die Drogen, wenn er keinen Fall hat, dann hat er kognitiven Leerlauf, er muss den Geist mit etwas anderem beschäftigen."

Andreas Jacke analysiert auch Sherlock Holmes Beziehung zu den Frauen. Im Gegensatz zur Doyles Geschichten, so sein Befund, gibt es in der BBC-Serie keine viktorianische Sexualmoral mehr. Dafür verliebt sich der Detektiv erstmals - in eine Domina.  Mit jeder neuen Folge verändert er sich. Vom unnahbaren Soziopathen zum nahbaren Genie.

Andreas Jacke, Filmwissenschaftler

"Es ist keine souveräne Figur, dieser Verlust an Souveränität, der immer mehr aufscheint, spielt, glaube ich, dass die Leute den mögen."


Nun also Staffel 4: Jetzt werden wir endlich erfahren, warum Sherlock Holmes wurde, wie er ist. Ein Geheimnis, das in seiner Kindheit begraben liegt.


Autorin: Margarete Kreuzer

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