Sasha und Xavier Naidoo sind die Gastgeber beim Echo 2017, Quelle: dpa/Britta Pedersen

- Die Nominierten für den Echo 2017

In Berlin wird wieder der wichtigste deutsche Musikpreis verliehen. Ins Rennen um den Echo gehen sehr unterschiedliche Musiker und Bands - von den Lochis bis Udo Lindenberg ist alles dabei. Doch wer taugt was und wer nicht? (Das Video zum Beitrag ist aus lizenzrechtlichen Gründen nicht verfügbar)

Der  Echo hallt wieder über Stadt und Land. Für uns hat die Radio eins-Musikkritikerin Elissa Hiersemann die Ohren gespitzt. Schließlich geht es hier um Deutschlands wichtigsten Musikpreis - zumindest behauptet das die Musikindustrie.

Wir haben uns gefragt: was erzählt eigentlich die Musik der hierzulande erfolgreichen Stars und Sternchen über deutsche Befindlichkeiten? Einer der mit seiner Musik immer noch die Fans berührt, ist Altrocker Udo Lindenberg - inzwischen fast so etwas wie das Maskottchen der Preisverleihung.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin

"Udo Lindeberg ist ein netter Standard. Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, man weiß schon gar nicht mehr, kommt er als Udo oder als seine eigene Parodie, aber er ist irgendwie Udo Lindenberg. Er ist irgendwie seine eigene Kategorie."


Nominiert ist der 70-Jährige unter anderem für Künstler National und Bestes Album.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin
"Er hat alles gelebt, Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Und ich glaube auf dem neuen Album, da feiert er sich vor allem. Dass er noch am Leben ist."

Wie steht es ums Frischfleisch im Musikbusiness? Als Newcomer sind die Lochis  nominiert - ein Phänomen, das Elissa Hiersemann den Zuschauern über 18 erst mal erklären muss.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin

"Das sind zwei Brüder, Heiko und Roman Lochmann, deswegen auch die Lochis. Die haben mit 12 angefangen einfach Parodien ins Netz zu stellen. Die haben so Songs parodiert. Man verfolgt sie vom Babyface, dann bekommen sie Pickel, da kann sich jeder mit identifizieren, wer heute jung ist."


Inzwischen abonnieren über zwei Millionen Kids ihren YouTube-Kanal.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin
"Die geben so Lebenshilfe oder Lebensberatung für Altersgenossen in allen möglichen Dingen. Es geht um Sex, also so ein bisschen was die Bravo früher war, machen jetzt die Lochis."


Noch eine Newcomerin: Den Traumhaften Aufstieg von der Maler-Lackiererin zum Schlagerstar lebt Kerstin Ott. Nominiert auch für den Hit des Jahres.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin
"Sie ist eine Frau, die offen lesbisch lebt und sie zeigt das auch und ich hätte nicht gedacht, dass das in der Schlagerwelt überhaupt geht. Weil sie ist das genaue Gegenteil von Helene Fischer, die ja so ein Pin-up-Girl ist, wo man alles so drauf projizieren kann. Eine Frau ohne Eigenschaften und Kerstin Ott ist halt eine Frau mit Eigenschaften und das finde ich toll, dass das funktioniert."


Ärgerlich hingegen findet Elissa Hiersemann die erneute Nominierung von "Freiwild". Erst im vergangenen Jahr hagelte es Kritik, dass diese Band einen Echo bekam. Ihre Songs tragen das Geschmäckle einer rechten Gesinnung, auch wenn sie sich davon distanzieren.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin
"Ich finde es nur sehr sonderbar, die Begriffe mit denen die operieren. Es geht viel um Heimat, um Nationalität, um Familie, ein Wir-Gefühl, da könnte man ja erst mal denken, ist doch nichts dabei. Das ist so ein Wir-Gefühl, so ein ganz komisches Wir-Gefühl. Das ist kein Wir-Gefühl, das keine Leute einschließt, das ist so ein ausgrenzendes Wir-Gefühl. Wir sind hier und ihr seid da, das kommt mir aus der Politik bekannt vor. Da stellen sich mir auch die Nackenhaare auf."


Dieser Preis zeigt kaum frische und unkonventionelle Musik, wie die der Berliner Band  "Von Wegen Lisbeth".  Sie sind  in der Nischen-Kategorien Bestes Video versteckt.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin
"Sie sind Berlin, ja!"


Das Fazit unserer Musikexpertin: Die schöne bunte Echo-Welt ist überraschungsfrei - und führt uns vor Augen, was für ein altbackenes Musikvolk wir wohl sind.

Elissa Hiersemann, Musikjournalistin
"Jetzt muss man natürlich wirklich auch sagen, vielleicht ist der Echo auch der Preis, den Deutschland verdient hat. Im Vergleich zu Großbritannien: Deutschland ist groß für Autos. Großbritannien ist groß für die Musik. Den Stellenwert, den Autos in Deutschland haben, den hat in Großbritannien die Musik."


Autorin: Charlotte Pollex

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