Hände eines alten Mannes umklammern einen Stock (Bild: imago/CHROMORANGE)

- 'Ü100!' - Dokumentarfilm über Hundertjährige

In Deutschland lebt mittlerweile die zweitälteste Gesellschaft der Welt. Nicht wenige werden über 100 Jahre alt. Die Filmemacherin Dagmar Wagner widmet den Einhundertjährigen nun einen einfühlsamen Dokumentarfilm.

Was macht man, wenn das Leben kein Ende nehmen will, obwohl die Dramaturgie eigentlich nach dem letzten Vorhang verlangt? Was macht man, wenn der liebe Herrgott einen partout nicht zu sich rufen will? Man lebt weiter. Und im besten Fall schafft man es, die Herausforderung anzunehmen.

Der Film "Ü100" wechselt die Perspektive. Er erzählt das hohe Alter, das uns Jüngeren oft eine schwer erträgliche Vorstellung ist, aus der Perspektive der Alten. Er fragt nach den Schmerzen, nach all dem, was nicht mehr geht. Er fragt aber auch, ob - wenn scheinbar alles getan, gesagt und gefühlt ist - noch ein Leben möglich ist, das Freude machen kann.

Szene aus "Ü100"

"Da bin ich raus gekommen."
"Also, sehr angenehm ist es nicht, wenn man in das Alter kommt. Also, bis 100 ließ ich es mir noch gefallen. Aber was drüber ist, taugt nichts mehr."
"Ja, ich bin dankbar für jeden Tag. Das ist ja ein Erlebnis, ob gut oder nicht gut."
"Man muss ja auch dazu bereit sein nicht nur körperlich, sondern auch seelisch das mitzumachen."

Dagmar Wagner, Regisseurin
"Es macht wenig Sinn, das Alter als Nachteil zu empfinden, das Alter gehört wie der Tod zum Leben dazu. Die Hundertjährigen leben wirklich Tag für Tag, sie schätzen jeden Tag, den sie leben dürfen, das ist ihre Lebensstrategie."

Szene aus "Ü100"
"Es gibt viele, die sich hinsetzen und sagen, nun kommt mal, ich bin alt, helft mir. Ich möchte alles, was ich selber kann, auch wenn es lange dauert, noch selbst machen. Auch wenn es nicht so schön wird."


Das Alter macht den Menschen gebrechlich und einsam. Und das stimmt. Trotzdem ist dieser Film kein Horror, sondern in den Stimmen seiner Helden beseelt von einer merkwürdigen Einkehr und Gelassenheit.

Dagmar Wagner, Regisseurin

"Sich nichts mehr beweisen zu müssen, sich nicht mehr irgendwelche Schalen anzulegen, um wer zu sein, um etwas darstellen zu müssen, das bringt natürlich auch viel Entspannung, das macht das Leben ruhiger. Sie erinnern uns eigentlich daran, dass man dankbar sein sollte für die reine Existenz, dass man da ist."


Sie leben in sich hinein statt aus sich heraus. Sie haben nichts mehr vor. Vor ihnen liegt der nächste Tag. Sie schauen aus dem Fenster und auf ihr Leben zurück. Und was ist der Sinn des Lebens, wenn das Leben nicht mehr vor, sondern hinter einem liegt?

Szene aus "Ü100" 
"Fragen tue ich mich auch, wozu bin ich eigentlich da gewesen, was habe ich geleistet? Für die Allgemeinheit überhaupt nichts. Ich war nur für meine Familie da, wenn man das genau betrachtet. Und da denke ich drüber nach, was soll das? Ich habe nix geleistet, was der Welt etwas nutzen würde."


Sie können nichts mehr werden, sie müssen annehmen, wer sie geworden sind,  akzeptieren, was ihr Leben war. Und damit haben sie zu tun. Auch davon erzählt der Film und widerspricht damit zugleich dem Klischee, dass das Alter nichts weiter sei als ein Absitzen der verbleibenden Zeit.

Szene aus "Ü100" 
"Noch lebe ich gerne. Dass ich noch gewisse Fähigkeiten habe, dass ich noch gehen kann, dass ich mich noch bewegen kann, das ist alles viel wert, auch, dass ich noch denken kann."


Dagmar Wagner, Regisseurin

"Ich denke, dass der Film mit den klischeehaften Altersbildern schon aufräumen kann, weil er zeigt, dass diese 100-Jährigen, trotz zum Teil extremer Einschränkungen, eine große innere Lebendigkeit und eine sehr reiche Gefühlswelt haben."


Szene aus "Ü100"
"Ich merke überhaupt nicht, dass ich älter werde. Ich bleibe so, wie ich bin."
"Man bleibt immer ich, man fühlt sich nicht. Man ist ich. Das ist komisch."


"Ü100" ist ein beglückender Film. Regisseurin Dagmar Wagner beschönigt nichts am Alltag ihrer Hundertjährigen. Aber in ihrem vorurteilsfreien, liebevollen Blick auf das Leben an seinem Ende gibt sie dem Alter einen Wert und eine Würde, die geradezu verblüffen.

Szene aus "Ü100" 
"400! Hör ich auf, hab genug. Pflicht erfüllt."


Autor: Lutz Pehnert

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