Aufschrift auf auf Berliner Hauswand (Quelle Archivbild: dpa/Wolfram Steinberg)
Bild: dpa/Wolfram Steinberg

- Gedichtsammlung 'Ick kieke, staune, wundre mir'

Das Berliner Personalpronomen "Icke" hat es jüngst in den Duden geschafft. Die berüchtigte Berliner Schnauze hat es nun sogar zu einem ganzen Gedichtband gebracht. Mehr als 250 Berliner Mundart-Gedichte haben die Herausgeber zusammengetragen - von 1830 bis heute.

Berlin - Stadt der Kultur. Du bist so voller Geschichte, Abenteuer, Kunst. Große Schriftsteller hast Du beherbergt, und ihnen die schönsten Verse entlockt. Diesen hier zum Beispiel:

Ich sitze da un esse Klops.
Uff eemal klopp's.
Ich kieke, staune wundre mir,
Uff eemal jeht se uff, de Tür.
Nanu denk ick, ick denk nanu,
Jetzt is se uff, erst war se zu?
Un ick jeh raus und blicke
Un wer steht draußen? - Icke!

Ein gewisser Jean de Bourgeois hat das gedichtet - und zwar Mitte des 19. Jahrhunderts. Da fing das an mit dem Berlinern in der Lyrik. Vorher war das Französische der Maßstab. Auch sächsisch war Mode. Kaum zu glauben, aber auch das galt mal als fein. Der Literaturwissenschaftler Thilo Bock hat jetzt zusammen mit zwei Kollegen berlinerische Gedichte von 1830 bis heute in einem Band zusammengefasst. Als Dichter mit dabei: Ahne und Katja Lange-Müller.

Thilo Bock, Autor
"Der Berliner trägt sein Herz auf der Zunge und das hört man immer gleich."


Katja Lange-Müller, Schriftstellerin
"Es ist diese maulig, tapfere, zum Laissez-Faire neigende halb beleidigte, halb resignierte Tonlage."

Ahne, Schriftsteller

"Der Berliner ist - na sagen wir mal so - nicht unbedingt von der herzlichsten Sorte."


In den 20er Jahren berlinert es überall. Auf den Straßen, in den Zeitungen, auf den Bühnen. Dichter sein und Journalist, das ist damals oft dasselbe. Kurt Tucholsky ist ein Beispiel - als Zeitungsdichter schreibt er fast jeden Tag seine Reime. Und wer die Texte aus dieser Zeit liest, dem wird schnell klar: So golden können die 20er Jahre nicht gewesen sein. Armut, Alkohol, Arbeitslosigkeit - das war Alltag.

Berlinerische Gedichte

Thilo Bock, Autor
"Die Weimarer Zeit ist auf jeden Fall die Hochzeit. So wie die Arbeiterklasse sich entwickelte, so entwickelte sich das Berlinische so zum Kampfjargon. Das haben die Leute verstanden, damit sollte mobilisiert werden."

Auch von den Nazis lässt sich der Berliner das Maul nicht verbieten. Und weil es eben eine Mundart ist - gesprochene Sprache also - haben diese Texte immer etwas ganz Unmittelbares. Ein Gedicht von Erich Weinert schafft es, einen direkt in einen Kneipenabend in den 30er Jahren zu versetzen.

Herr Nitsche, ick mecht noch en Tafelbier!
Heil Hitler, Herr Popendiek, Ooch wieda hier?
(…)
Nich wah, Herr Scholz, wir sind noch uff Draht!
Arm ausjestreckt, fimmenvirzich Jrad!


Dass sie eine solche Bandbreite an Gedichten finden würden, hat Thilo Bock und seine beiden Mitherausgeber überrascht. Gedichte aus fast 200 Jahren. Ein richtiges Nachschlagewerk ist dieser Band geworden. Wenn auch einer zum Kuscheln, mit bärig-flauschigem Einband.

Thilo Bock, Autor
"Ich fand es sehr spannend, dass man eben auch nicht nur irgendwelche lustigen Gedichte in Mundart gefunden hat, sondern vor allem auch mit diesen Gedichten die Berliner Stadtgeschichte nachzeichnen kann. Eben von unten quasi."


Hier sprechen nicht die Herrscher, sondern das Volk, das Proletariat also. Kein Wunder, dass im zweigeteilten Berlin auch unterschiedlich berlinert wurde: Was im Westen provinziell rüber kam, konnte im Osten eine Geisteshaltung ausdrücken. Katja Lange-Müller kennt das noch.

Katja Lange-Müller, Schriftstellerin

"Da wurde mit vollster Absicht und sozusagen aus Widerstandsgeist berlinert, weil wir wurden ja von Sachsen regiert, größtenteils jedenfalls, oder von Saarländern. Und da war das Berlinische schon mal eine ganz probate Möglichkeit, sich davon abzusetzen."

Thilo Bock, Autor
"Auf jeden Fall ist das Berlinische immer von diesem respektlosen Ton geprägt."

Ahne, Schriftsteller
"Eine gewisse Trockenheit auch. Dann kann man ein Liebesgedicht in vier kurzen Zeilen machen."

Ich liebe Dir! Ich liebe Dich,
Wie's richtig is, ich weeß es nich,
Doch klopft mein Herz so schnelle,
Ich lieb nicht auf den dritten Fall,
Ich lieb nicht auf den vierten Fall,
Ich lieb auf alle Fälle.


Autorin: Julia Riedhammer

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