Filmstill aus "Schultersieg" (Quelle: AWFP / Julia Lemke)
Bild: AWFP / Julia Lemke

- "Schultersieg" beim "Achtung Berlin"-Filmfestival

Der Dokumentarfilm "Schultersieg" dreht sich um vier junge Mädchen, die in einem Sportinternat in Frankfurt(Oder) leben. Sie sind Ringerinnen, die von einem Meisterschaftstitel träumen. Der Film ist in Berlin beim "Achtung Berlin"-Festival zu sehen.

Sie sind keine Berühmtheiten, aber sie gehören zu Deutschlands Spitzensportlerinnen. An der "Eliteschule des Sports" in Frankfurt/Oder trainieren Janny, Debby, Lisa und Michelle zwei Mal am Tag Ringen - nicht gerade ein Breitensport.

Die Filmemacherin Anna Koch beobachtet ihre Laufbahn seit sie in den Kinderschuhen steckt. Vier Jahre lang hat sie die Ringerinnen mit der Kamera begleitet. Vom ersten Tag am Sportinternat an.

"Ich bin Lisa Ersel, bin 12 Jahre alt, komme aus Berlin und mein Ziel ist es, Deutsche Meisterin zu werden."
"Ich bin Debora Lawnitzak, komme aus Berlin, bin 12 Jahre alt und mein größtes, nee ähm... und ich will eine Medaille bei den Deutschen gewinnen."


Anna Koch, Regisseurin
"Wir waren fasziniert von starken Mädchen, die außerhalb von Schablonen liegen. Die nicht stark sind, weil sie sind wie Männer oder weil sie dargestellt sind wie Superheldinnen, sondern die einfach aus sich heraus, ohne irgendwelchen Vorbildern zu folgen, Stärke entwickeln und etwas Widersprüchliches machen zu dem Mädchenbild, das man hat."

"Schultersieg" heißt die filmische Langzeitbeobachtung, die Ringerinnen wie Regisseurin viel Ausdauer, Biss und langen Atem abverlangte. Ringen wird zum Sinnbild. Für den Kraftakt, seinen Platz im Leben zu finden. Ziele zu erreichen. Erwachsen zu werden.

Ein Schultersieg, also den Gegner auf den Rücken zu zwingen, ist das Ziel jedes Kampfes. Doch bis Lisa Ersel und Debora Lawnitzak ihren ersten Meistertitel holen, müssen sie eine Menge Niederlagen einstecken.

Erfahrungen, die zusammenschweißen. Und so hebt sich vor der kämpferischen Kulisse auch die Geschichte einer Freundschaft ab. Noch heute wohnen Lisa und Debby im Internat Wand an Wand. Vorurteile über Frauen im Ringkampf lassen sie an sich abperlen.

Debora Lawnitzak, Ringerin
"Die meisten stellen sich, glaube ich, voll die Monster vor. Es gibt ja auch zarte Ringerinnen wie Lisa."

Lisa Ersel, Ringerin
"Die verbinden das immer mit Sumo-Ringen, glaube ich."

Debora Lawnitzak, Ringerin
"Mit Muskeln mega krass. Wir haben ja auch Muskeln, aber nicht, wie die sich das vorstellen."

Als Heranwachsende haben die Mädchen ganz andere Kämpfe auszutragen. Zum Beispiel mit der Pubertät. Lisa bekommt ihr Heimweh mit Hilfe ihrer Freundin Debby in den Griff.

Eine andere dagegen führt einen einsamen Kampf: Michelle ist heute 18. Sie nimmt zwar noch am Training, aber nicht mehr an Wettkämpfen teil. Nicht jedes Mädchen ist dem Leistungsdruck und der eisernen Disziplin gewachsen, die der Leistungssport einfordert

Michelle Silva, Ringerin

"Für mich war die Zeit, in der der Film gedreht wurde, eine schwierige Zeit, weil ich von zu Hause ausgezogen und in eine WG eingezogen bin. Weil ich mit meiner Mama nicht mehr klar kam, und dann kam es eben deshalb auch zu Gewichtsproblemen."


Ringen kategorisiert die Mädchen in genau festgelegte Gewichtsklassen. Wer abweicht, ist draußen.

Szene aus "Schultersieg"

"Wenn Du das nicht lernst, dass man sich quälen muss, dann kannst Du ab jetzt sofort aufhören mit Ringen."


Anna Koch, Regisseurin
"Wer es mit 16 nicht geschafft hat, der weiß auch, dass er es dann nicht mehr schafft. Ich glaube, das ist die schwerste Zeit für die meisten Kinder, die hier sind. Dann kommt einfach der Punkt, wo man weiß, ich habe mich jetzt jeden Tag zwei mal in die Sporthalle begeben und das war 'für den Arsch'. Und das ist die Realität von Leistungsport."

Manchmal, wenn alles stimmt, wird die Quälerei belohnt. Das sind die Momente, auf die die Mädchen hin leben.

Debora Lawnitzak, Ringerin

"Ich versuche an meine Stärken zu glauben, Spaß zu haben beim Training und den Druck runterzuschlucken. Einfach Ringen, auf die Matte gehen und kämpfen - mehr kann man ja nicht machen."

"Schultersieg" ist mehr als ein Film mit intimen und spannenden Einblicken in die Welt des Ringens. Von diesen Kämpferinnen kann man etwas lernen: wie man fällt und immer wieder aufsteht.


Autorin: Charlotte Pollex

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