Frau Töpfer und ihr Enkel René in der Einraumwohnung, 1986
Bild: www.harfzimmermann.com

Foto-Ausstellung im c/o Berlin - Harf Zimmermann: 'Hufelandstraße . 1055 Berlin'

Die Hufelandstraße in Berlin ist nur ein paar hundert Meter lang, mit Häusern aus der Gründerzeit und einem Neubau nach der Wende. Der Fotograf Harf Zimmermann ist in den 80er Jahren ein Jahr lang von Haus zu Haus gezogen, um die Besonderheiten des Quartiers festzuhalten. Seine Bilder sind nun erstmals komplett in einer Ausstellung zu sehen.  

Ein paar Bäume, ein Spielplatz, Häuser aus der Gründerzeit - lang ist sie nicht, die Hufelandstraße im Bötzow-Viertel. Aber sie war mal etwas Besonderes. Vor 30 Jahren fotografiert Harf Zimmermann die Hufelandstraße und ihre Bewohner zum ersten Mal. Er entdeckt hier ein Stück Bürgerlichkeit - mitten in der DDR.

Harf Zimmermann, Fotograf
"Dieses Gefühl des letzten Rests von Bürgerlichkeit, der hier überlebt hatte, kam nicht von ungefähr. Das Viertel war geplant für - heute würde man sagen - die Zielgruppe höhere Beamte. Und die haben auch in den Vorderhäusern gewohnt, mit Parkett und Flügeltüren und Stuck an der Decke und Badewannen mit Löwenfüßen. Und irgendetwas von dieser Bürgerlichkeit hatte sich auf rätselhafte Weise erhalten."


Als er in den 80er Jahren hier lebt, versucht Harf Zimmermann diesem Rätsel auf die Spur zu kommen. Er beginnt seine Nachbarn zu fotografieren - und fängt in seinem Hof an.

Harf Zimmermann - Fotograf
"Und dann stand ich hier so in der Ecke und habe gesagt, also, alle in die Kamera gucken und weiter nichts machen."


So macht er das von jetzt an immer. Einfach die Menschen in die Kamera schauen lassen. Es ist seine Diplomarbeit als Fotograf: Eine Milleustudie in grau, wie die Fassaden damals. Außen: DDR-Tristesse. Und innen?

Harf Zimmermann - Fotograf
"Im Innenraum ist ja jeder Quadratzentimeter dem Willen der Bewohner unterworfen. Und natürlich von Farbe: Was die Leute eben wollten. Oder wenn die Leute weiße Wände wollten, dann waren die Wände weiß und davor spielte Farbe. Die Farbe hatte etwas zu sagen, erzählte etwas. Was sie auch außen getan hätte, aber was ich nicht hätte wiedergeben können."


Fast überall ist das Grau der Fassaden heute verschwunden und mit ihm die meisten Menschen, die Harf Zimmermann damals fotografiert hat. Werner Dorow gehört zu den wenigen, die noch immer hier wohnen.

Werner Dorow, Anwohner
"Die alten kennt keiner mehr, und wenn ich keinen Platz mache, werde ich umgerannt. So ist das leider."

Damals ist er beim VEB Electric angestellt. Wie alle in der Hufelandstraße, fotografiert Harf Zimmermann auch ihn mit einer Großformatkamera aus den 30er Jahren. Die Schwerfälligkeit dieser Technik gehört zu seinem Konzept. Auch heute noch.

Harf Zimmermann, Fotograf

"Wir haben eine lange Belichtungszeit, das heißt Sie müssen still halten. Ansonsten seid ihr verwackelt. Es ist ein historischer Moment... Und es hat jeder so sein Sonntagsgesicht. Jeder hat von sich schon mal ein Foto gesehen, da sieht man gut drauf aus, das mache ich jetzt wieder. Das hält man vielleicht eine Minute länger. Eigentlich nicht. Und dann die. Und dann. Dann lassen die Leute los."

Um die hundert Fotos sind so entstanden - Bilder, die jetzt bei C/O Berlin zu sehen sind. 2010 kehrt Harf Zimmermann nochmal in die Wohnungen zurück, an denen er damals fotografiert hat. Er will wissen: Wer lebt hier jetzt?

Harf Zimmermann, Fotograf

"Diese vielen unterschiedlichen Typen, die gibt es eigentlich nicht mehr. Die Originale sind weg. Wenn ich jetzt hier so mein Atelier wieder in dem Viertel habe, dann weiß ich genau. Der letzte, der nächste Kandidat ein Original zu sein, ein Guck mal Guck mal, da geht noch einer von denen, das bin ich selber."

Harf Zimmermann hat ein Stück Stadtgeschichte festgehalten. Nicht die Große in den Geschichtsbüchern, sondern die, die in den Gesichtern der Menschen geschrieben steht.


Autorin: Julia Riedhammer

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