Familienfotos Michael Wolffsohn, aus seinem Buch "Deutschjüdische Glückskinder" l. Max Wolffsohn 1919–2000, m. Recha Wolffsohn 1886–1972, r. Willi/Zeew Wolffsohn 1916–1991

- 'Deutschjüdische Glückskinder' von Michael Wolffsohn

"Von Berlin nach Israel und trotzdem zurück nach Berlin" lautet die Grabinschrift von Michael Wolfssohns Vater Max. Eine Inschrift, die die Familiengeschichte des Historikers Michael Wolffsohn auf den Punkt bringt. Diese erzählt Wolffsohn in dem Buch "Deutschjüdische Glückskinder", das gleichzeitig ein Stück Berliner Stadtgeschichte ist.

In diesem Haus im Grunewald ist er in den 50er Jahren großgeworden, hier, wo heute noch seine 95-jährige Mutter lebt. Der Historiker Michael Wolffsohn, den man sonst nur aus streitbaren Politdebatten kennt, zeigt sich nun von einer ganz privaten Seite - in einem Geschichts- und Geschichtenbuch über seine Familie. Weil sie als deutsche Juden vor den Nazis nach Palästina fliehen mussten, kam Michael Wolffsohn in Tel Aviv zur Welt.

Michael Wolffsohn, Historiker

"Ich sprach zuerst Deutsch - in Israel. Das war ganz selten. Viele deutschen Juden schämten sich aus naheliegenden Gründen oder getrauten sich nicht Deutsch zu sprechen. Das war bei uns Zuhause nicht der Fall. In meiner Familie gab es immer zwei Deutschländer, das eine schreckliche, unter dem man zu leben hatte, aber auch das Glück des Überlebens. Daher heißt das Buch 'Glückskinder'."


Wie die Wolffsohns über drei Generationen ihr Glück machen, trotz widrigster Umstände, erzählt der 70-Jährige mit vielen politischen und kulturgeschichtlichen Pointen. Großvater Karl Wolffsohn, geboren in Posen, entdeckt im Berlin der 20er Jahre ein neues Massenmedium als Berufsfeld: Chance für den eigenen Aufstieg.

Michael Wolffsohn, Historiker
"Der Film war eine ganz junge Industrie. Das heißt, er war das Theater des kleinen Mannes. Sprich: gute Produkte zu bezahlbaren Preisen. Im Theater gab es Programme. Da hat mein Großvater das Theaterprogramm im Kino erfunden und auch gedruckt."


Mit den Programmheften und dem eigens dafür gegründeten Verlag hat er solchen Erfolg, dass er den Gewinn bald in eigene Kinos investieren kann. Und mehr noch: Zusammen mit anderen Geschäftspartnern gründet Karl Wolffsohn Variétés, wie das Plaza in Friedrichshain, engagiert sich sogar im sozialen Wohnungsbau.

Michael Wolffsohn, Historiker
"In die Gartenstadt Atlantic, Berlin Gesundbrunnen, Arbeiterviertel, baut mein Großvater das Großkino 'Lichtburg'. Das heißt: Hier ist die Philosophie, nicht nur bezahlbaren und guten Wohnraum zu bezahlbaren Preisen zu schaffen, sondern auch gute Kultur zu bezahlbaren Preisen. Und jetzt kommen diese beiden Ebenen zusammen. Das ist wirklich Teil des jüdischen Wirtschaftsverständnisses gewesen. Wenn es mir gut geht, habe ich die Verpflichtung, auch den anderen, denen es nicht so gut geht, es besser gehen zu lassen."


Bis 1939 bleibt Familie Wolffsohn in Berlin. Auch die mütterliche Seite, die Saalheimers, denken gar nicht ans Auswandern. Dann nimmt die Gestapo Karl Wolffsohn einige Monate in Haft. In letzter Sekunde gelingt ihnen die Flucht. Sie lassen alles zurück, nehmen nur ein paar deutsche Andenken mit. Anders als viele überzeugte Zionisten lernen sie kaum Hebräisch. Während Ben Gurion einen Staat für die Juden ausruft, sehnen sich die Wolffsohns nach ihrer Heimat. Und kehren 1954 zurück.

Michael Wolffsohn, Historiker
"Ganz klar: Familie Wolffsohn lebte in Israel wie in Berlin. Insofern ist das eine tragikomische Geschichte. Ganz unideologisch: Die konnten nicht von Deutschland lassen."


Ein Teil der Familie verteilt sich über die Welt, Michael Wolffsohn wächst hier auf, im Grunewald. Er spricht Deutsch und Hebräisch, leistet in Israel den Armeedienst ab, studiert in Deutschland Geschichte, wird Professor an der Münchner Bundeswehruniversität. Und nimmt in Debatten nie ein Blatt vor den Mund. Das Herz auf der Zunge zu tragen, ist Familientradition.

Michael Wolffsohn, Historiker
"Mein Großvater mütterlicherseits, der deftige Ausdrücke liebte, nannte das Herzblähungen. Er sagte immer: Wir sterben nicht an Herzblähungen. Wenn etwas aus unserer subjektiven Sicht falsch läuft, dann muss man das auch sagen."


Mit seiner Familie setzt er nach der Wende die Gartenstadt Atlantic wieder instand. Günstiger und guter Wohnraum - und dazwischen ein kulturelles Integrationszentrum im stark türkisch geprägten Kiez.

Michael Wolffsohn, Historiker
"Wir haben sogenannte Lernwerkstätten errichtet, und zwar in folgenden Bereichen: Musik, Physik, Bildende Kunst, Natur und demnächst auch Kochen. Und wir haben pro Jahr 50.000 Kinder und Jugendliche, nicht nur aus der Gartenstadt Atlantic, sondern aus Nordberlin und ganz Berlin, die zu uns kommen."

Michael Wolffsohn erzählt Geschichten aus dem Leben, sprengt Klischees, gibt uns deutschjüdischen Geschichtsunterricht, der bis in die Gegenwart reicht: eine umwerfende Familienbiographie, ein lebenspralles Buch.


Autor: Norbert Kron

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