Alfred Flechtheim-Ausstellung im Georg Kolbe Museum (Quelle: rbb)

- Alfred Flechtheim-Ausstellung im Georg Kolbe Museum

Er war bedeutender Kunsthändler, Verleger, Mäzen und schillernder Protagonist seiner Zeit. In der ersten Sonderausstellung zu Alfred Flechtheim in Berlin wird insbesondere seine Rolle für die moderne Bildhauerei der 1920er-Jahre beleuchtet und sein bewegtes Leben skizziert.

Die Zigarre ist sein Markenzeichen - sein avantgardistischer Kunstgeschmack revolutioniert den Kunsthandel. Aus Paris bringt er Picasso und Renoir nach Deutschland, entdeckt hier die aufstrebende Künstlermoderne. Sein Leben als geschäftstüchtiger Bohèmien macht ihn zur Legende der Kunstwelt. Bis heute, gerade bei Galeristen, die sein Erbe angetreten haben.

Einer der erfolgreichsten Kunsthändler in Berlin ist Wolfgang Wittrock. Der Mann, der für Museen berühmte Bilder ankauft, begann seine Karriere in Düsseldorf - in der Stadt, in der Alfred Flechtheim aufwuchs. Dort erzählten ihm noch Zeitzeugen vom schillernden Kunstsammler.

Wolfgang Wittrock, Kunsthändler
"Sie sagten, er war schwer zu greifen, dieser Mann, weil er seine zwei Seiten hatte. Er konnte ganz wunderbar charmant sein, voller Esprit. Aber er konnte dann auch der ganz knallharte Geschäftsmann sein, mit einem klaren Auge auf das Geschäft."

 
Das Georg Kolbe Museum eröffnet nun erstmals eine Retrospektive von Flechtheims Künstlern. Leiterin Julia Wallner hat Skulpturen aus aller Welt zusammengetragen. Belling, Barlach, Breker, dazu Degas und Maillol - die Zusammenstellung zeigt den unvoreingenommenen, kosmopolitischen Geist von Flechtheim. Und stellt die Frage, worauf sein Erfolg als Kunsthändler beruht.

Julia Wallner, Georg Kolbe Museum
"Wie schafft es Alfred Flechtheim, die moderne Kunst nach Deutschland zu bringen? Das ist eigentlich sein großes Verdienst gewesen, dass er moderne Kunst an die Museen und Sammler vermitteln konnte und sich dafür ein weit verzweigtes System ausgedacht hat."

Der Sohn eines Düsseldorfer Getreidehändlers nimmt freiwillig am Ersten Weltkrieg teil, heiratet reich, beginnt sein Geld in Kunst zu investieren - mit Erfolg. Nach und nach baut er Galerien auf, expandiert nach Berlin. Geschickt bewirbt er seine Werke, setzt auf Prominenz: Sein Künstler Ernst de Fiori modelliert Marlene Dietrich. Seine Bildhauerin René Sintenis, die auf Tierskulpturen spezialisiert ist und später den Berlinale-Bären modelliert, wird durch ihn zur androgynen Künstlerikone der 20er Jahre.

Julia Wallner, Georg Kolbe Museum
"Ich sehe bei Flechtheim in allererster Linie eine Liebe zur Kunst und auch zu den Künstlern und zum Künstlerleben. Er hat wichtige Feste und Veranstaltungen in Berlin gefeiert."

Wolfgang Wittrock / Kunsthändler
"So reich war er nicht. Er lebte von seinem Enthusiasmus, von Ausstellung zu Ausstellung, von Ereignis zu Ereignis. Er ist 1933 insolvent gewesen auch aufgrund dieses sehr wunderbaren Lebensstils."

Maskenbälle und Künstlerempfänge - in seiner Galerie am Lützowufer geht es hoch her. Er verkehrt mit Rennfahrerinnen und Sportlern. Zum 50. huldigen ihm Künstler und Gesellschaftsgrößen. Mit Witz. Selbst Max Schmeling würde sich am liebsten von ihm coachen lassen. Und alle wissen: sein Privatleben ist eine große Travestie, die Ehe nur Fassade für seine homosexuellen Neigungen.

Wolfgang Wittrock, Kunsthändler

"Da war eben jede Liebesbeziehung möglich. Er musste zwar heiraten, das tat man damals. Aber er hatte seine Männerwelt um sich und war da ziemlich offen. Da war die Ehefrau und da gab es die Reise nach Paris im Nachtzug mit den Jünglingen. Und... hmm, ja..."

Die Ausstellung im Georg Kolbe Museum zeigt auch sein dunkles Ende. Wegen seiner jüdischen Herkunft muss Flechtheim 1933 ins Exil. Von London aus setzt er sich weiter für seine Künstler ein. Doch schon 1937 stirbt er, weitgehend veramt. Was kann die Kunstwelt von ihm heute noch lernen?

Wolfgang Wittrock, Kunsthändler

"Der Vergleich zu heute: Es ist alles schneller geworden. Wenn ein Künstler ein, zwei Jahre nicht funktioniert, sprich sich nicht verkaufen lässt, ist der meistens von der Galerie allein gelassen. Flechtheim hat sich gebunden, stand zu seinem Wort, in schwierigsten Zeiten. Das war damals das Besondere und das wünsche ich mir heute: Das dürfte mal wieder kommen."


Eine großer faszinierender Mann der Moderne - das Georg Kolbe Museum präsentiert jetzt erstmals sein Lebenswerk. Eine fantastischen Ausstellung, die man gesehen haben muss.


Autor: Norbert Kron

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