"89/90" beim Theatertreffen 2017 (Quelle: rbb)
Bild: rbb

- '89/90' nach dem Roman von Peter Richter

Die Umbruchsjahre 1989/90, die der Schriftsteller Peter Richter in seinem gefeierten Buch beschreibt, werden vom Schauspiel Leipzig in kurzen Episoden auf die Bühne gebracht. Das Stück ist in diesem Jahr beim Theatertreffen dabei.

Deutsche Geschichte als Stoff für die Theaterbühne. In Schlaglichtern und kurzen Episoden wird hier die Zeit des Umbruchs erzählt. 89/90 - zwei Jahre, die alles verändern, in denen sich ein Land auflöst.

Claudia Bauer, Regisseurin
"Mich hat es interessiert, ein Bild dafür zu finden, wie ein merkwürdiges Konstrukt wie die DDR von innen heraus verfault und dann zerbricht, wie die Leute von einem geduckten Dasein sich aufrichten und sagen, jetzt ist Schluss."


Claudia Bauer und Hundedame Lilly. Beide sind das erste Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Regisseurin gilt als Expertin für unspielbare Stoffe. So einen hat sie sich wieder vorgenommen: den Wenderoman "89/90".

Claudia Bauer, Regisseurin
"Einen Vorgang, an dem abertausende Menschen beteiligt sind, das auf der Bühne zu zeigen, das geht gar nicht. Dieser 24-köpfige Chor war für mich ein adäquates Mittel, aus dem die Schauspieler dann als Einzelstimmen auftauchen."

Aus Leipzig sind Schauspieler und Chor angereist. Noch einmal wird geprobt auf der Bühne im Berliner Festspielhaus. Claudia Bauer hat die literarische Vorlage für das Theater bearbeitet. Im Zentrum steht ein Erzähler, der zurückblickt auf den letzten Sommer der DDR, auf unbeschwerte Nächte im Freibad mit der Clique.

Zur selben Zeit werden die Rufe nach Freiheit lauter.

Es ist seine Geschichte. Peter Richter, heute Journalist in New York, ist 15, als die Menschen in Dresden auf die Straße gehen. Im Roman "89/90" schildert er diese Ereignisse in seiner Heimatstadt aus der Sicht des Jugendlichen, der gleichzeitig fasziniert und überfordert ist von den Umwälzungen.
 
Peter Richter, Journalist und Autor  
"Ich habe natürlich aus dem geschöpft, was ich damals erlebt habe plus aus dem, was meine Freunde erzählt haben plus dem, was Leute erlebt haben, die ich gar nicht kenne, von dem ich aber weiß, dass es so passiert ist. Das alles habe ich gemischt und versucht, eine möglichst allgemeingültige Geschichte zu schreiben, die nicht unbedingt etwas mit mir und mit Dresden zu tun hat, sondern die auch in Erfurt, Berlin oder Potsdam gespielt haben könnte."


Claudia Bauer verzichtet in ihrer Inszenierung darauf, Episoden aus Richters Roman zu illustrieren. Sie findet eigene Bilder, in denen die Anarchie der Wendezeit spürbar wird.

Eine der zentralen Fragen, die Buch und Theaterstück stellen: Wie konnte im Machtvakuum der untergehenden DDR rechtes Gedankengut gedeihen?

Claudia Bauer, Regisseurin  
"Ich glaube, es ist eine Identitätssuche und gleichzeitig ein Absetzen gegen die DDR gewesen. Es wird ja auch im Stück beschrieben, es war ja schon vorher da, es brodelte. Es entstand nicht erst nach der Wende. Es bereitete sich vor. Es war eine Art unterirdische Gegenbewegung gegen den Sozialismus. Das konnte sich Bahn brechen und hat eine Identität angeboten."


Claudia Bauer nennt ihre Inszenierung ein "Wendeoratorium". Ein Mosaik aus grotesken und nachdenklichen Episoden, die sich zu einem gelungenen Theaterabend zusammen fügen.


Autorin: Birgit Wolske

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