"Five Easy Pieces" beim Theatertreffen 2017 (Quelle: rbb)

- 'Five Easy Pieces' von Milo Rau

Der Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux erschütterte Mitte der 90er Jahre die ganze Welt, bis heute leidet Belgien unter diesem Alptraum. Milo Rau lässt die Geschichte des Kindermörders beim Theatertreffen nacherzählen - ausgerechnet von Kindern.

Der Vater von Marc Dutroux, dem grausamen Kindermörder aus Belgien, gespielt von einem 15-Jährigen.  

Es muss den Zuschauern weh tun, so funktioniert das Theater von Milo Rau. Die Unschuld der Kinder, so alt wie Dutroux' Opfer, und die Grausamkeit seiner Taten - der brutale Kontrast zwingt die Zuschauer aus der Reserve.

Milo Rau, Regisseur
"Ich glaube, dass ein gutes Stück das Schreckliche durchquert, um eine Befreiung herbeizuführen, seelische Befreiung von etwas, was ein Alpdruck ist. Was eigentlich Dutroux für die belgische Gesellschaft ist. Und dass es plötzlich eine Gruppe von sieben Kindern gibt, die sagen: Wir erzählen euch das nach. Und am Ende: So, wir sind drüber weg. Seid ihr auch drüber weg?"

Traumatisiert wirken sie jedenfalls nicht. Anreise zum Berliner Theatertreffen. Für die lässigen Profis ist das längst Routine. In 20 Ländern haben sie das Stück schon gespielt, fast 100 Vorstellungen, betreut von Psychologen und in enger Abstimmung mit ihren Eltern.

Milo Rau, Regisseur
"Für sie ist Dutroux auch ein Märchen. Und als sie dann gemerkt haben, dass der Vater von Dutroux schräg gegenüber von dem Theater wohnt, wo wir auch geprobt haben,  waren sie schockiert. Wirklichkeit? Theater? Den gibt es wirklich? Für sie waren die 90er Jahre, als würde man über den Ersten Weltkrieg sprechen - sehr weit weg."


Belgien in den 90er Jahren. Marc Dutroux entführt, vergewaltigt und ermordet Kinder quasi unter den Augen der Polizei. Die leistet sich dilettantische Pannen, ignoriert Hinweise und verschlampt Indizien. Als sie Dutroux endlich schnappt, leben nur noch zwei seiner Opfer. Am Ende reicht der Pädophilie-Skandal bis in höchste Regierungskreise und löst in Belgien fast eine Staatskrise aus.

Auf der Bühne beginnt es harmlos mit einem Casting.

Milo Rau, Regisseur
"Es gibt einen Casting-Director, der sieben Kinder castet, sie erst mal fragt, was sie spielen wollen. Und aus diesen Spielwünschen, diese eigentlich ausnutzt und anhand derer die Geschichte von Dutroux erzählt."


Irgendwann wird den Zuschauern aber doch mulmig: Pepijn und Polly spielen die Eltern von Dutroux' Opfern. Doch Pepijn kann nicht auf Kommando weinen.

Plötzlich geht es um mehr, um Macht und Unterwerfung. Dass die Schauspieler benutzt werden, um das Publikum zu unterhalten, gehört bei Theater nun mal dazu. Aber wie weit kann man mit Kindern gehen, die gar nicht verstehen, was sie da spielen? Wann kippt es ins Voyeuristische?

Milo Rau, Regisseur
"Ein Kind verlieren, Vater eines Mörders sein. Das kann man sich nicht vorstellen, egal, wie alt man ist. Natürlich verstehen sie das ein Stück weit auch nicht, aber es geht ja auch darum, dass der Zuschauer das versteht und sich in dem Moment fragt: Was passiert den Kindern? Warum werden die damit konfrontiert? Wie können sie das wissen? Und das hat was Übergriffiges, was ich interessant finde, in dem Moment."


Milo Rau verbindet den Fall Dutroux mit der Frage, was Erwachsene auf der Bühne mit Kindern machen dürfen.

Milo Rau, Regisseur
"Natürlich freut man sich immer wieder, wenn so eine Art Unmöglichkeit... das ist ja immer der Witz in meinen Stücken, wenn man denkt: Das kann ja gar nicht funktionieren. Das ist das, was mich sehr reizt. Dass man einen Weg findet, merkt, wie kraftvoll Theater ist, was da alles reinpasst. Das ist die Herausforderung, ja."


Am Ende sind die Kinder wieder sie selbst. Für die Zuschauer eine Befreiung.


Autorin: Patricia Corniciuc

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