
Biografie -
Die gebürtige Berlinerin Helen Hessel erlebte die 1920er Jahre in Berlin und Paris, lebte mit zwei Männern und verbrachte den Zweiten Weltkrieg im Untergrund. Erstmals ist Helen Hessels Biografie nun auf Deutsch erschienen. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht vor.)
Cathérine wird den Wettlauf mit Jules und Jim gewinnen. Genauso, wie sie zuerst das Herz von Jules gewinnt und dann das seines Freundes Jim. Francois Truffauts Filmklassiker "Jules und Jim" erzählt vom Experiment einer freien Liebe zu dritt. Die Geschichte ist nicht fiktiv, das Trio gab es wirklich. Die Freunde Franz Hessel, ein deutscher Literat und Henri-Pierre Roché, ein französischer Schriftsteller, liebten die gleiche Frau – Helen.
Manfred Flügge (Hessel-Biograf)
"Sie war eine Art Naturwunder, ein Vulkan, von überbordender Kraft. Manchmal leicht am Rande des Verrückten. Aber leicht verrückt heißt in dem Fall auch Avantgarde. Sie war Avantgarde, sie hatte schon in den Jahren vor 1914 einen Lebensstil, wie er eigentlich erst in den 20er Jahren verbreitet war."
Schon als Kind beherrscht Helen, die 1886 in Berlin geboren wird, die Kunst, andere zu verblüffen und herauszufordern. Mit 16 bricht sie allein nach London auf. Kommt zurück, studiert Malerei und weiß, Berlin ist nicht der Ort, der ihr entspricht. Paris ist das Ziel der Lebenshungrigen.
Manfred Flügge (Hessel-Biograf)
"Sie hat sehr früh angefangen, Affären zu haben. Schon als junge Malstudentin hat sie mit ihrem Lehrer George Marcon, ein Franzose, der hier in Berlin unterrichtet hat, eine Affäre gehabt, also, sie kam nicht mehr unschuldig nach Paris. Und in Paris lernt sie Franz Hessel kennen. Und eigentlich war er in allem das Gegenteil."
Der buddhistische Hessel und die exzentrische Helen. Sie heiraten, trennen sich und heiraten wieder. Parallel dazu hat Helen, inzwischen Modekorrespondentin der Frankfurter Zeitung in Paris, zahlreiche Affären. Die intensivste mit Henri-Pierre Roché.
Manfred Flügge (Hessel-Biograf)
"Sie ist die Melusine, die eigentlich keine Seele hat, aber die das Objekt aller Begierden ist und die kein Mann wirklich besitzen kann, also, damit hat sie sich durchaus identifiziert. Diese mythologische Schicht ist da. Und dann der Versuch, das Leben so zu leben, als wäre es ein Kunstwerk. Das geht grandios schief. Ich versuche verzweifelt immer zu sagen, "Jules und Jim" ist nicht ein Lebensmodell, sondern es ist ein tragisches Scheitern einer Lebensutopie."
Manfred Flügge hat schon vor zwanzig Jahren über das amouröse Dreigespann ein Buch geschrieben. Den Versuch einer wahren Liebe zu dritt, der nur einen Sommer dauerte und alle Beteiligten zwischen leidenschaftlicher Zuneigung und verletzender Eifersucht zerriss. In den Träumen der Pariser Boheme existierte er weiter.
Manfred Flügge (Hessel-Biograf)
"Es ist ganz komisch, dass sich die Lebensutopien gerade in diesem Zeitalter der Extreme abgespielt haben, wo das Leben andauernd auf dem Spiel steht. Durch die Kriege, durch die Verfolgungen, durch Rassismus, durch den Holocaust, durch alles Mögliche. Und alle Beteiligten haben sich allerdings bewährt. Sie sind sozusagen auf der richtigen Seite des Schicksals geblieben. Selbst Helen. Sie gehört eigentlich der französischen Resistance an."
Helens jüngster Sohn, Stéphane Hessel, kämpft in der Resistance. Er bittet sie, Flugblätter zu verteilen, Flüchtlinge aus dem Land zu bringen. Die Biografie der französischen Autorin Marie Francoise Peteuil erzählt das abenteuerliche Leben Helen Hessels, die alle kannten und die selbst alle kannte. Eine Jahrhundertgestalt, facettenreicher als die Catherine in Jules und Jim.
Stéphane Hessel, 2010
"Meine Mutter hat mir eins eingebracht, du musst Glück haben, du musst ein glücklicher Mensch sein, denn das Glück geht auf die anderen herüber. Einer, der glücklich ist, kann auch die anderen glücklich machen."
Die meisten Geschichten über Helen hat Marie-Francoise Peteuil von Stéphane Hessel erfahren. Keiner kannte diese tollkühne Frau besser, stand ihr näher, als Stéphane, der jüngste Sohn.
Manfred Flügge (Hessel-Biograf)
"In allem, was er ein Leben lang getan hat, wollte er seine Mutter beeindrucken. Als ganz kleines Kind muss er sehr jähzornig gewesen sein und versucht haben, mit Wut und Eifersucht und Streit und Neid seine Interessen durchzusetzen. Bis ihm seine Erzieherin gesagt hat, Stéphane, das ist der falsche Weg, du musst versuchen, deiner Mutter zu gefallen. Und das hat geklappt. Also, wann immer er ein Gedicht aufgesagt hat bis an sein Lebensende, denkt er eigentlich, da steht irgendwo meine Mutter und hört zu."
Stéphane Hessel
"Noch spüre ich ihren Atem auf den Wangen, wie kann das sein, dass diese nahen Tage fort sind, für immer fort sind und ganz vergangen..."
Autorin: Gabriele Denecke

