Neues Buch - Sonia Mikich: 'Enteignet'

Eine angemessene Behandlung von Patienten fällt immer mehr der Kostenkalkulation zum Opfer. Das erlebte die Fernsehjournalistin Sonia Mikich. In ihrem Buch schildert sie ein Gesundheitssystem, dass sich vom reinen Heilen weit entfernt hat.

Es beginnt banal. Eine Frau hat Bauchschmerzen. Der Arzt schickt sie ins Krankenhaus. Und plötzlich erlebt sie, was viele erleben im Krankenhaus: Überforderte Ärzte, widersprüchliche Diagnosen, das Gefühl, ins Getriebe geraten zu sein: In die Klinikmaschine.

Sonia Mikich (Buchautorin)
"Ich ging als normale Patientin mit einem minderschweren Fall ins Krankenhaus und kam mir nachher vor wie eine Münze, die in einen Apparat geworfen ist und unten kommt da eine Patientenakte raus. Das heißt, ich kam mir wirklich vor, später im Verlauf des Ganzen wie eine Ware. Und ... dass das Krankenhaus so etwas wie ein Fließband ist."

Die Fernsehjournalistin Sonia Mikich hat ein Buch über diese schockierende Erfahrung geschrieben, einen sehr persönlichen Bericht, ergänzt um investigative Recherchen im Innersten des "Systems": Wo - das allein ist keine Neuigkeit - der Mensch erst nach dem Profit interessiert.

Sonia Mikich (Buchautorin)
"Das heißt durch und durch Ökonomisierung, Kommerzialisierung und insofern auch enteignet. Ich hatte über mich nichts mehr zu sagen."

Doch Mikich jammert nicht, sondern stellt grundsätzliche Fragen. Nämlich, ob wir es auf Dauer hinnehmen wollen, dass Krankenhäuser Gesundheits-Fabriken geworden sind.

Dass sich auch im Krankenhaus alles nur noch um Masse, Effizienz und Gewinn dreht - wie überall in der Gesellschaft, deren Spiegel dieser Medizinbetrieb ist. Die kommerzielle "Optimierung" sämtlicher Lebensbereiche bezahlen wir mit dem Verlust von Menschlichkeit, von Solidarität und Seele. Denn darum ging es mal im Krankenhaus. Als Ärzte noch Ärzte wurden, um Menschen zu heilen - und nicht, um Aktionäre glücklich zu machen. Lothar Weißbach war Direktor einer großen Berliner Klinik.


Prof. Lothar Weißbach (Arzt)
"Ärzte hatten eine gewisse Machtstellung, das muss ich einräumen, die wurde auch punktuell missbraucht. Aber inzwischen sind die Ärzte entmachtet durch Ökonomen, durch die Propheten der Effizienz, die sagen, wie es in einem KH oder KK-System zu funktionieren hat. Und die haben nichts mit Patienten zu tun, sondern sie sind allein den Zahlen verpflichtet, der Rendite und der Wirtschaftlichkeit."


Sonia Mikich (Buchautorin)
"Auf einmal war ich so ein Bündel, ja, ein Bündel mit tausend Schläuchen überall am Körper, mit Angst, Todesangst auch, Angst nachts allein zu liegen. Das war unglaublich schockierend für mich, weil ich hab wirklich in meinem Beruf schon harte Situationen gehabt. Ich war in Kriegs- und Krisengebieten und konnte damit vernünftig umgehen und bin eigentlich auch vernunftgesteuert."

Am Krisenschauplatz Krankenhaus durchleben zu "Fällen" reduzierte Patienten jeden Tag das emotionale Drama von Einsamkeit und Entfremdung. Doch auch die Ärzte sind gefangen im System.

Prof. Lothar Weißbach (Arzt)
"Ich bewundere zum Teil meine Kollegen, die unter diesen Zwängen handeln. Die morgens um sieben zwar flüchtig, schnell die Station versorgen, ihr Stückgut, den Patienten in Augenschein nehmen, soweit das möglich ist, dann in Handlungen einsortiert werden, die in einem Zeittakt vollzogen werden."

Es gibt Opfer und Profiteure: Jeder zweite Chefarzt wird heute finanziell motiviert, sich um höhere Auslastung der OP-Säle zu kümmern. Boni gibt es nicht für das Patientenwohl sondern für hohe "Fallzahlen". Es sind: Fangprämien. 

Prof. Lothar Weißbach (Arzt)
Solche Zielvereinbarungen halte ich für unethisch, denn wo sollen die Patienten herkommen? Und so bedienen wir uns als Ärzte bei Gesunden, weil es das Wirtschaftssystem so will.

Sonia Mikich (Buchautorin)
"Das Vertrauen, dass im Krankenhaus einem etwas Gutes widerfährt, dass ich geheilt werde, dass es besser wird, dass der Schmerz weggeht: Das war plötzlich weg. Und dann kommt statt Ur-Vertrauen, das man normalerweise in Ärzte hat, kommt Ur-Misstrauen: Was will der schon wieder von mir?"

Vertrauen jedoch ist, wie die Hoffnung, eine Produktivkraft für die Heilung. Das bestehende fährt vor die Wand. Soll es so sein, dass die Ökonomie alles regelt, dass wir das Solidarprinzip aufgeben, jeden Tag mehr, überall? Kann es sein, dass wir keinen anderen Umgang mit Krankheit finden - wir, eine reiche westliche Industrienation mit, wie Mikich sagt: Menschen überwiegend guten Willens?

Sonia Mikich (Buchautorin)
"Ich würde mir das wünschen auch für ein gutes Gesundheitssystem, dass die Menschen wach werden, auf die Straße gehen, Druck machen, die Parteien wählen, die das endlich in ihr Programm aufnehmen, das wird Zeit. Sich nicht von den Lobbyisten zu einer Duldungsstarre zwingen lassen, sondern sagen: Wir müssen das ganze Ding noch mal neu umkrempeln."

Prof. Lothar Weißbach (Arzt)
"Das ist ein Punkt, da teile ich die Position von Frau Mikich nicht. Es wird keine Revolution, keine Solidarisierung der Patienten geben. Die Patienten haben keinen Einblick in das Gesundheitssystem. Die Situation muss durch die bereinigt werden, die wissend sind. Das ist die Ärzteschaft. Aber die Ärzteschaft ist zum großen Teil gekauft und deshalb wird es lange dauern, bis Ärzte aufmerksam werden und sich gegen dieses System wenden."

Doch unmöglich ist das keineswegs - nicht mal unrealistisch, denn wie es ist geht es nicht weiter. Als für Sonia Mikich alles vorbei ist - die Operationen, die Verlorenheit, die Angst – geht sie noch einmal zu ihrem Hausarzt.

Sonia Mikich (Buchautorin)
"Ein Internist, dem ich wirklich vertraue. Den habe ich gefragt, sagen Sie mal was hatte ich jetzt eigentlich? Können Sie's mit einem Begriff sagen? Und er wurde ganz verlegen und sagte: So richtig weiß ich es eigentlich auch nicht."

Neben vielen verstörenden gibt es auch diese surrealen Momente im Buch: Eine Aufforderung an alle, neu nachzudenken über einen humaneren Umgang mit dem Kranksein - nicht nur im Krankenhaus.


Autor: Andreas Lueg