Neues Buch -
Kurz nach der Wende: Als in Berlin-Mitte noch nichts saniert und gentrifiziert war, entstand der neue Mythos Berlin. Doch das Mittegefühl der Jahre nach dem Mauerfall ist genauso schnell wieder verschwunden, wie es entstand. Nachlesen kann man es aber jetzt in einem Buch über "Die ersten Tage von Berlin".
Wie lange dauert das Jetzt? – Nicht lange genug, zumindest für die Kunst- und Kulturprojekte, die in den frühen neunziger Jahren die Brachflächen in Berlins Mitte besiedelten. Für kurze Zeit wurde hier in besetzten Häusern eine kulturelle Utopie gelebt – an den Grenzen der Legalität und fern des Kommerz. Techno für alle.
Er war damals dabei: Ulrich Gutmair kam im Herbst 89 aus der bayrischen Provinz nach West-Berlin und fand sich ein paar Monate später in der Stadt der scheinbar unbegrenztenten Möglichkeiten wieder.
Ulrich Gutmair, Journalist
"Da stand diese Mauer, so grob, 30 Jahre lang, und die war auf einmal auf. Dann gehst du da rüber und entdeckst eine Welt, die ungefähr so aussieht wie 1948, und dann läufst du da rum, es gab ja jeden Tag etwas zu entdecken. Es gab neue Leute kennen zu lernen, Ostberliner, es gab Partys zu feiern, aber es war auch eine historisch sehr interessante Situation."
Die beschreibt der heutige Taz-Redakteur mit ihren historischen und kulturellen Hintergründen. Und er lässt Zeitzeugen zu Wort kommen: Umso wichtiger, weil es kaum Dokumente und Fotos aus dieser Umbruchzeit gibt.
Ulrich Gutmair, Journalist
"Ich glaube, das Bewusstsein war da, aber auch das Gefühl, dass das vergeblich war, das festhalten zu wollen, weil es sich so schnell verändert hat. Du wusstest ja, wenn du das Foto eine woche später machst, sieht es wieder aus, also welcher Moment ist der richtige, um das aufzunehmen? Aber ich glaube, das Bewusstsein war schon da bei denen, die da rüber gegangen sind: Das, was sie jetzt da machen, geht vielleicht ein halbes Jahr oder auch zwei Jahre, und dann ist es vorbei."
Das damalige Lebensmotto "Hier und Jetz"“ hat auch bei Ulrich Gutmair wenig greifbare Spuren hinterlassen.
Ulrich Gutmair, Journalist
"Ich habe nicht viele Bilder von mir damals, aber es gibt ein paar Flyer und es gibt diese Platte. Die ist aufgenommen im Elektro, steht auch drauf, ich war auch da, hat viel Spass, sich das anzuhören, was sie da gemacht haben."
Ulrich Gutmair, Journalist
"Auf eine gewisse Weise war das ein Spielplatz für Westberliner und Westdeutsche, aber natürlich auch für Ostler. Also wenn du 19 bist und aus Ostberlin, dann freust du dich auch, wenn du plötzlich Sachen machen kannst, die du vorher nicht durftest."
Der Ostberliner Thorsten Schilling war damals Pressesprecher beim Berliner Senat. Im Buch erzählt er, wie er nach durchzechten Nächten in Hausbesetzerkneipen auf potentiellen Investoren für das frühere Niemandsland trifft.
Thorsten Schilling, Journalist
"Die Orte gab es damals gar nicht. Da ist man entweder vorbeigegangen oder da war nichts, weil die paar Orte, in denen in der DDR was los war, waren eher im Prenzlauer Berg, aber hier diese ganze Gegend gab es nicht, weil es auch grenznah war, wenn man da als Angehöriger der Boheme allein rumläuft, ist das schon mal verdächtig und zu riskant, dumme Fragen gestellt zu bekommen."
Schon kurze Zeit später wurden in Mitte keine Fragen mehr gestellt, sondern Fakten geschaffen. Die Künstleravantgarde hatte ihre Schuldigkeit getan, ihre kreativen Freiräume wurden plattgemacht oder den Alteigentümern rückübertragen. Heute dominieren Büroangestellte statt Besetzern die neue Mitte.
Trotzdem findet Ulrich Gutmair bei den Pionieren der Nachwendezeit keine nostalgischen Gefühle. Sie freuen sich vielmehr, diese Zeit erlebt zu haben.
Ulrich Gutmair, Journalist
"Was übrig geblieben ist? – Geblieben ist die ganze Clubszene, die Kunstszene, Berlin als ein Ort, der als aufregender Ort gilt, wo immer noch viel passiert, wo immer noch junge Leute aus aller Welt herkommen. Und ich glaube, dieses Image von Berlin als Produktionsort für Kunst und Kultur, das ist damals entstanden."
Mythos Mitte. Dass sich dieses Image eines Tages so prima vermarkten lässt, das jedenfalls hätte sich Ulrich Gutmair damals nicht vorstellen können.
Autor: Lutz Ehrlich


