Matthias Lilienthal (Quelle: rbb)

Portrait - Matthias Lilienthal in Beirut

Als Theatermacher erweckte er das Berliner Hebbel am Ufer zu neuem, reichem Leben – die Nachricht, dass er Berlin verlässt, sorgte in der Kulturszene für ein mittleres Beben. Zur Zeit lebt Matthias Lilienthal in Beirut und arbeitet dort mit jungen Künstlern. "Stilbruch" hat ihn dort besucht.

Nur eine kurze Auszeit wollte sich Matthias Lilienthal nehmen, doch nach acht Monaten Beirut sagt er schon mal, dass er hier zuhause sei. Das Wetter sei super und im Gegensatz zu Berlin werde immer freundlich begrüßt:

"Kef halek?"

Kef Halak heißt "Wie geht es Dir?", ein wenig Arabisch hat Matthias Lilienthal gelernt. In dieser Bäckerei schaut er fast jeden Morgen vorbei. Eine Fladenbrot mit Thymian – das ist so eines seiner Beiruter Rituale.

"Good Bye, habibi"

Matthias Lilienthal lebt im christlich-armenischen Viertel, eine Gegend, die ihn anfangs an die Zeit seine Kindheit erinnert, an das Berlin der späten 1950er Jahre. Es gibt noch viele kleine Läden und die Menschen, die hier leben, sind schon immer hier zuhause gewesen. Er mag den Rhythmus der Stadt.

Matthias Lilienthal, ehem. Intendant der Hebbel Theater
"In Deutschland muss man sich immer organisieren und muss sich immer langfristig verabreden und wenn man hier jemanden fragt, ob man ihn in 14 Tagen sehen kann, dann sagt der ja, ruf mich an, an dem Tag. Das ist wie eine Welle auf der man surfen muss und dann fummelt sich schon alles zusammen."

Was er an Beirut schätzt, ist die unglaubliche Lebensfreude und Vitalität. Angst, dass ihm etwas geschehen könnte, hat er nie gehabt. Selbst jetzt nicht, wo das Land, mehr und mehr in den Syrienkonflikt verwickelt wird.

Wenn er zuhause ist, hat er sein ganzes Viertel im Blick. Jedes Zimmer hat einen Balkon. Sich in den Tag fallen lassen – das könne er nur hier. Was er von dieser Zeit mitnimmt, sind Begegnungen, die er in Berlin nie gehabt hätte, Geschichten, die davon erzählen, dass hier zwar alles möglich, das Leben aber nicht einfach ist.

Matthias Lilienthal, ehem. Intendant der Hebbel Theater
"Man kann in Beirut extrem verschiedene Lebenserfahrungen machen. Man hat eine Stadt im Stüden von Beirut mit 400.000 Einwohnern, das ist fast so wie Teheran und dort herrscht die Hisbollah, hier in Asharafieh ist es sehr chrislich und in West-Beirut ist es muslimisch – sunnitisch und diese verschiedenen Lebenswelten erfahren zu können ist natürlich total lustig."

Beirut ist eine Stadt, die dabei ist, sich immer wieder zu erfinden, die versucht, die Gegensätze zu vereinen. Auf der einen Seite ist Beirut weltoffen, mit Parties bis weit in den Morgen, auf der anderen Seite, entscheidet die Religion darüber, wer man ist und was man darf. Der Bürgerkrieg nicht vergessen, auch wenn er gut 20 Jahre zurückliegt.

Ein zerbombtes Theater – mitten im Zentrum, es soll nicht wieder aufgebaut werden, Einschusslöcher, die an damals erinnern, als sich der Krieg mitten durch das Zentrum frisst. Es ist ein Krieg gewesen, bei dem am Ende, niemand mehr so genau wusste, wer da eigentlich gegen wen kämpft. Ein Krieg entlang religiöser Überzeugungen, der bis heute nicht aufgearbeitet ist. Allein in der Kunstszene fragt niemand, wer zu welcher Religion gehört.

Matthias Lilienthal, ehem. Intendant der Hebbel Theater
"In den intellektuellen Kreisen gibt es eine klare Definition, dass man darüber kein Wort redet, weil es so sehr im Bürgerkrieg alles determiniert hat, gibt es da die Vereinbarung, dass man sich vornimmt, dass das total Wurst ist."

An einem Ort, an dem man alles, aber keine Kunsthschule vermutet, zwischen Autohäusern und abgewirtschafteten Lagerhallen, hier hat das Aschkal Alwan seine Räume, eine der weltweit berühmtesten Kunstschulen. Seit acht Monaten arbeitet Matthias Lilienthal hier als Gastprofessor. Die Studenten kommen von überall her, es geht darum, sich international zu vernetzen, eine neue Generation zu unterstützen.

Christin Thome hat vor 20 Jahren die Schule mitgegründet. Wie ihre Studenten, wollte auch sie einmal Künstlerin werden, hielt sich aber selbst nicht für begabt genug. Sie gilt als toughe Frau, eine die etwas bewegt.

Christine Thome, Mitbegründerin der Kunsthochschule Ashkal Alwan
"Mehr und mehr Libanesen fangen an, die Kunst zu unterstützen, weil sie fühlen, dass ihnen die Beziehung zu ihrem Land abhanden kommt, sie möchten nicht mehr, dass das Bild des Landes nur durch das Image des Krieges bestimmt. Ganz selbstbewusst sagen sie, wir wollen etwas aufbauen, eine Identität schaffen."

Vom Theater an die Kunstschule – am Anfang war das für Matthias Lilienthal eine Umstellung. Lächelnd erzählt er, dass es auch mal gut sein kann, wenn nicht jeder weiß, wer er ist und dennoch ist das auch eine Herausforderung.

Matthias Lilienthal, ehem. Intendant der Hebbel Theater
"Zwischendurch war das für mich auch echt scheiße, weil ich unterschätzt habe, erstens englisch zu unterrichten, zweitens über Bildende Kunst zu unterrichten und das in einem fremden Land. Und am ersten Tag war ich erstmal total krank. Direkt zwei Stunden nachdem wir ankamen. Hab dann die Augentropfen, die ich dringend brauche, außerhalb des Kühlschranks liegen lassen, womit sie verdorben waren. Und alles war total scheiße und seitdem ging es kontinuierlich bergauf."

Er ist mit den Studenten raus auf die Straße gegangen, hat Stadtviertel erkundet, sich die Geschichten der Menschen für sein Performance-Projekt "X- Wohnungen" erzählen lassen. Schon jetzt weiß er, dass er die menschliche Wärme, die er geschenkt bekommen hat, vermissen wird.


Autorin: Christine Thalmann