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STILBRUCH
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Do 01.12.11 22:30

Nachruf

Christa Wolf

Christa Wolf ist gestorben. Sie war herzkrank, aber ihr Tod ist trotzdem ein Schock. Immer wieder wurde sie als Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt, Günther Grass hätte ihn gerne mit ihr geteilt. Vor zwei Jahren hat er mir ihr ihren 80. Geburtstag gefeiert. Es war eines der letzten Male, dass Christa Wolf dabei öffentlich vor einer Kamera sass.

Günter Grass
"Lass uns tanzen im Schnee, damit wir, so lange er noch liegt, Spuren machen im knirschenden Weiß, die bleiben, bleiben. Bis es, vorausgesagt, taut."

Diese Aufforderung zum Tanz galt Christa Wolf – von einem ihrer größten Bewunderer.
Günter Grass ist erst spät ein Freund geworden. Erst nach dem Mauerfall besuchte Günter Grass sie zum ersten Mal in Mecklenburg, wo sie mit ihrem Mann Gerhard Wolf, den Sommer verbrachte. Später ergriff er öffentlich Partei für sie, als sie als zu SED-linientreu angegriffen wurde.

Günter Grass
"Also während der DDR-Zeit bin ich ja Christa Wolf einige Male begegnet und da war es schwierig, an sie heranzukommen. Sie war in Opposition, das war deutlich erkennbar, aber hielt eine gewisse Linie: Unser Land."

Ihr Festhalten an der sozialistischen Idee, die sie trotz allem niemals aufgab, wurde ihr nach dem Mauerfall zum Verhängnis. Bis dahin als nachdenkliche Stimme des Ostens hofiert, wurde sie nun als "Staatsdichterin" diskreditiert. Das Feuilleton warft ihr ihre SED-Mitgliedschaft vor, ihr Schweigen zu den Ereignissen 1968 in der Tschechoslowakei.

Christa Wolf
"Nach 1989 wurde mir ja erst mal sozusagen der Mund verboten. Und das hat lange nachgewirkt und mir ging es sehr schlecht damals."

Günter Grass ergreift öffentlich Partei für Christa Wolf, die mit den auf Vernichtung zielenden Vorwürfen nicht fertig wird. In Mecklenburg, zwischen Streuselkuchen und Entenbraten, sprechen sie über Träume, Enkelkinder, den Fischer vom nahen See. Als Grass abfährt, bedankt sie sich bei ihm.

Günter Grass
"Unterm Strich ist es ja, was selten vorkommt, eine späte Freundschaft, die damals begann und die hält.“

Christa Wolf war Zeit ihres Lebens eine Unbequeme. Gleich mit ihrem ersten Roman, "Der geteilte Himmel", später auch verfilmt, stand sie auf der falschen Seite. Anstatt den Mauerbau als Errungenschaft zu feiern, ließ sie ihre Heldin an der Teilung Deutschlands leiden. 

Christa Wolf
"Ich wusste ja immer, dass es keinen Sinn hat, sich anzupassen. Für mich war Schreiben wirklich lebenswichtig und angepasst kann man nicht schreiben, da fällt einem ja auch gar nichts ein. Was soll man schreiben aus einer zufrieden, angepassten Haltung heraus? Da ist man ja völlig blockiert."

Ein Grund für sie, auf dem berüchtigten elften Plenum des Zentralkomitees der SED 1965 zu sprechen, den Dissens zwischen Künstlern und der Partei öffentlich zu machen. Ulbrichts Ankündigung, dass sich die Partei- und Arbeiterfunktionäre nicht von jedem x-beliebigen Schreiber anspucken lassen, ließ Christa Wolf nicht unwidersprochen.
Das wiederholte sich 1976. Christa Wolf protestiert in einem offenen Brief gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und befürchtete, ihr gerade fertig gestelltes Buch "Kindheitsmuster" dürfe deshalb nicht erscheinen. 

Christa Wolf
"Es gibt Momente, wo man sagt, also, jetzt musst du was machen. Du wirst es nicht, wird sich nichts ändern dadurch, aber wenn du es jetzt nicht machst, verlierst du die Selbstachtung. Und das war so ein Moment. Es gab ein paar, zwei, drei Momente in meinem Leben, wo ich gesagt habe, wenn ich das jetzt nicht mache, dann kann ich nicht mehr schreiben."


Das Thema Flucht und Ausweisung ist nach 1976 kein historischer Stoff, sondern Alltag. Freunde und Kollegen von Christa und Gerhard Wolf verließen die DDR. Die Wolfs blieben.

Christa Wolf
"Ich wusste, dass ich die Konflikte wirklich aus diesem Boden hier zog, in der DDR. Und dass ich in der Bundesrepublik gar keinen Grund hätte, zu schreiben. Abgesehen davon, dass ich da nicht die Alternative für mich sah. Im Gegenteil, ich hatte da so eine Formel für mich gefunden: Man muss lernen, ohne Alternative zu leben. Und dann kann man auch in der DDR leben."

Mit Gerhard Wolff war sie über 60 Jahre verheiratet, Manchmal schaute er heimlich in die Manuskripte seiner Frau, machte andeutungsweise Bemerkungen und hat für sie einige der schönsten Titel ihrer Bücher gefunden.
Ohne Frage Christa Wolff ist eine der poetischsten und eigenwilligsten Schriftstellerinnen Deutschlands. Eindringlich erzählte sie immer wieder vom Konflikt zwischen der Freiheit des Einzelnen und den Zwängen, in die jemand kommt, sobald er sich der Gesellschaft stellen muss. Auch sie selbst lebte diesen Konflikt. Mit 82 Jahren ist sie gestorben.


Autorin: Gabriele Denecke

Dieser Text gibt den Sachstand vom 01.12.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Interview mit Christa Wolf

[zeitzeugen-tv.com]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_01_12/Hommage.html

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