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rbbonline | Archiv

Heute ist es genau zehn Jahre her, dass der Dichter Thomas Brasch starb. Mit 56, eigentlich viel zu früh, aber angesichts seiner Selbstzerstörungskraft erstaunlich, dass er überhaupt so alt wurde. Schreiben bedeutete für ihn, öffentlich seine Angst zu überwinden und es war brilliant, wie er mit Worten umgehen konnte.
Er war Lyriker, Dramatiker, Philosoph und Filmemacher, er drehte mit Tony Curtis vor allem war er aber einer, der sich nicht vereinnahmen ließ. Hinterlassen hat er ein großes und heute fast vergessenes Werk.
Christoph Rüter, Filmemacher
"Brasch hat das Talent in gesellschaftlich aufschlussreiche Situation zu geraten und da war er immer auch unbehaust, immer auch Außenseiter, gehörte eigentlich nie dazu, immer am Rand und von dort aus beobachtet, provoziert, aufgelehnt, rebelliert, also eine absolut singuläre Existenz."
Christoph Rüter ist 1988 Dramaturg an der freien Volksbühne in Westberlin als er Thomas Brasch kennenlernt. Sie werden Freunde. Immer wieder treffen sie sich in Braschs Wohnung. Bei einigen Besuchen dreht Christoph Rüter mit seiner Videokamera. Manchmal dreht Thomas Brasch sich selbst, so als wolle er sich vergewissern, dass er noch da ist. Aus diesem Material ist jetzt der Dokumentarfilm "Brasch – das Wünschen und das Fürchten" entstanden.
"Weil ich das Eigene verloren habe kann ich nichts mehr schreiben, jeder meiner Gedanken ist mir ganz fremd, deshalb lasse ich ihn ganz verschwinden."
Mit 11 Jahren wird Thomas Brasch von seinem Vater auf die Kadettenschule der nationalen Volksarmee geschickt – fünf Jahre wird er dort bleiben unter dem militärischen Drill leiden. Er ist sechzehn als seine Schwester Marion geboren wird.
Marion Brasch, Autorin und Journalistin
"Die früheste Erinnerung ist seine Lederjacke, also die hat mich immer beeindruckt, die hatte so ein Eigenleben und die roch gut und wenn er mich auf den Arm genommen hat, dann knarzte die. Ansonsten war er immer mein großer Bruder, der wunderschön war, der klug war, der gestochene Sätze sprach, die man hätte drucken können, der mich immer beeindruckt hat und den ich natürlich auch geliebt habe"
Trotz seiner Begabung wird er vom Dramaturgie Studium ausgeschlossen, weil er sich für den Prager Frühling einsetzt. Ausgeliefert vom eigenen Vater, dem stellvertretenden Kulturminister der DDR landet er für ein Jahr im Gefängnis. Schreiben ist für ihn überlebenswichtig, doch seine Bücher werden nicht gedruckt. Um zu arbeiten, geht er in den Westen.
Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
Wo ich nicht bin, will ich nicht bleiben, aber
Die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
Die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
Wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin
Marion Brasch
"Ich wusste natürlich, dass ihm dieser Bruch viel zu schaffen gemacht hat, also der Bruch mit der DDR natürlich auch, aber auch der Bruch der danach durch den Mauerfall passierte, weil er hatte plötzlich keine Reibungsfläche mehr. Er hat irgendwann mal gesagt, weißte im Osten in der DDR habe ich mir den Kopf eingehauen und im Westen laufe ich nur noch gegen Gummiwände. Das interessiert keinen mehr und ich glaube das hat ihm sehr zu schaffen gemacht."
Marion Brasch ist die Jüngste, Schwester von drei Brüdern. Sie alle sind mittlerweile alle verstorben. Eine Antwort, warum sie als Einzige in dieser Familie überlebt hat, fällt schwer.
Marion Brasch
"Ich glaube dieses Selbstzerstörerische liegt irgendwo in unserer Familie, das kann man vielleicht rational gar nicht erklären. Das hat viel mit der Geschichte unserer Familie zu tun, die auch sehr gebrochen ist, die auch immer vom Weggehen geprägt war."
Thomas Brasch hat sich immer gewehrt gegen seinen Vater, gegen die DDR und dagegen im Westen vereinnahmt zu werden - hat sich in Alkohol und Drogen geflüchtet.
Christoph Rüter, Filmemacher
"Dieser Mann fehlt an allen Ecken und Kanten, der große Anreger, mein Gott, wenn der jetzt 66 wäre, mein Gott, das hat ja sogar Heiner Müller geschafft, ich meine, der ist 65 geworden, ach wäre das schön wenn er noch wäre."
Der Film erinnert an ihn. Manchmal ist es schwer zuzusehen, wie einer sein Leben so kompromisslos zu Ende lebt.
Autorin Bettina Lehnert
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_03_11/thomas_brasch.html