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rbbonline | Archiv

Die Berlinische Galerie zeigt in ihrer neuen Ausstellung "Geschlossene Gesellschaft" die künstlerische Fotografie der DDR in ihrer ganzen Vielfalt - mit Bildern, die viel über den Alltag von damals und den Wunsch nach Freiheit erzählen.
Für die Ausstellung hat Manfred Paul seine Fotos noch mal aufgearbeitet. Bedrückend sei es manchmal gewesen, dem Gefühl von damals nachzuspüren und gleichzeitig die Poesie der Bilder zu empfinden.
Manfred Paul, Fotograf
"Das fand ich damals fast mein mutigstes Foto - na, die Grenze zu fotografieren, eigentlich durfte man das ja nicht machen. Ich hatte immer dieses Gefühl, dieses Eingeschlossen zu sein und dadurch, dass es eine Verallgemeinerung kriegt, also so etwas wie eine Metapher wird für Enge, für Bedrängtheit, ist es wahrscheinlich das Bild, das es am stärksten trägt."
Als er in den 70ern nach Berlin zieht, ist er überrascht, so hat er sich die Hauptstadt nicht vorgestellt: grau, verfallen. Er fängt an im Prenzlauer Berg zu fotografieren, um sich zu vergewissern, wie es wirklich aussieht. Am liebsten arbeitet er mit dieser Großbildkamera und im Juni, wenn das Licht am Morgen noch ganz matt ist.
Manfred Paul, Fotograf
"Wenn ich auf den Hinterhöfen fotografiert habe, kamen Leute und haben sich mit mir unterhalten, warum ich so etwas mache, ein paar Mal hatte ich echte Probleme mit der Polizei oder so, warum fotografiere ich das, geht das als Dokument ins Ausland und so. Aber das war gar nicht mein Ansatz. Und die haben mich dann mitgenommen, und dann habe ich einfach so etwas gesehen: Aluminiumbestecke oder eine Pampelmuse, und das habe ich in den Wohnungen fotografiert."
Diese Fotos hat Manfred Paul nie in der DDR ausgestellt. Sie zeigen eine Individualität, die damals nicht erwünscht ist. Bei seiner ersten Ausstellung in Frankreich 1987 ist das Publikum angetan, der DDR-Kulturattaché hingegen verstimmt. Heute sind die Fotos in der Ausstellung wieder zu sehen.
Zur jüngeren Generation der ausgestellten Fotografen gehört Jens Rötzsch. Seine DDR ist knallbunt - er zeigt Aufmärsche, deutsche Helden und Massenveranstaltungen. Und er wählt eine sehr eigene Perspektive dafür. Er fotografiert schon für internationale Medien - das Pfingsttreffen der FDJ 1989 zum Beispiel für den "Stern" und die FDJ. Beide Auftraggeber wählen die gleichen Bilder aus.
Jens Rötzsch, Fotograf
"Ich gehe allein los, ich habe was im Kopf und die anderen ist eine diffuse Masse, aus der mich sicher etwas raus und auch wenn ich da einzelne Figuren rauslöse, es bleibt für mich die Masse, es bleibt das gegenüber, es sind ja nicht einmal Schauspieler, es sind Statisten in einem großen Bild, und die haben auch so eine Anonymität. Also, ich habe keinen Zugang, ich habe mit den Leuten auch nie geredet."
Wie bei einem Kriegseinsatz, also Kopf runter und durch, so habe er sich oft beim Fotografieren gefühlt. Er als Einzelkämpfer und die Massen auf der anderen Seite.
Jens Rötzsch, Fotograf
"...er hat eine heldenhafte Pose und so habe ich ihn dargestellt."
Jens Rötzsch stellte in der DDR aus, da schloss die Stasi zwar schon mal die Ausstellung, aber dann ging es trotzdem.
Jens Rötzsch, Fotograf
"Es gab so eine kleine Grauzone, wo dann sozusagen diese sogenannte Untergrundkunst, oder wie man das nennt, präsentiert wurde und irgendwo im Toleranzbereich, toleriert von den politischen Institutionen oder der Staatssicherheit, wer auch immer... Die hatten ja auch einen Riesenvorteil, die hatten die Leute dort ja alle zusammen."
Die Zeit in der DDR hat seinen Stil geprägt. Zu Fotografieren war für ihn überlebenswichtig, sagt er.
Manfred Paul, Fotograf
"Das hängt sicherlich erst mal mit meiner inneren Haltung zusammen und das, was ich da drinnen gesehen habe, dass ich eigentlich auch diese Verlorenheit, mich selbst in so einem System als verloren gesehen, das es auch teilweise so war."
So unterschiedlich die ausgestellten Fotografien sind in ihren Haltungen und Motiven, eins haben sie gemeinsam: Die Fotografen hatten Zeit - und das drücken auch ihre Bilder aus.
Autorin: Bettina Lehnert
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_04_10/geschlossene_gesellschaft.html