Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in Berlin - Quelle: ARD-Foto

Jahrestag - Der Aufstand - 17. Juni 1953

In der DDR demonstrierten 1953 die Menschen für mehr Freiheit und bessere Arbeitsbedingungen - für einen Moment stand die DDR auf der Kippe. Einer, dessen Leben sich durch die Ereignisse am 17. Juni veränderte, ist Fred Ebeling. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht vor.)

Fred Ebeling war 20, als er plötzlich mitten hinein gerät - in den Volksaufstand des 17. Juni 1953. Er arbeitet damals im Stahlwerk Hennigsdorf als Werkstudent und freut sich auf drei freie Tage. Da hört er auf der Fahrt nach Berlin von unglaublichen Vorgängen.

Fred Ebeling, Zeitzeuge
"Niemand hat darüber gesprochen, dass am nächsten Tag eine Demonstration sein sollte. Als ich in der S-Bahn hörte, dass die Hennigsdorfer nach Berlin durch den französischen Sektor marschierten, habe ich mich entschlossen am Nordbahnhof auszusteigen und rüberzugehen, zur Chausseestraße, wo die Stahlwerker vorbeikommen mussten."


Er muss nicht lange warten am Nordbahnhof. Die Stahlwerker sind auffällig mit ihren blauen Schutzbrillen. Fred Ebeling schließt sich an. Wie viele seiner Kollegen ist er gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen. Er ist nicht freiwillig im Stahlwerk, eigentlich wollte er Medizin studieren. Doch weil er nichts mit der FDJ am Hut hatte, schickte man ihn zur Bewährung in die Produktion, nach Hennigsdorf.

Und da läuft er nun mit - unter den tausenden Demonstranten - und ahnt noch gar nicht, worum es wirklich geht. Plakate werden kaum getragen. Keiner hat sich auf diesen Tag vorbereitet.

Am Haus der Ministerien wollen die Stahlwerker den Wirtschaftsminister sprechen. Niemand lässt sich sehen. Die Angst vorm Volk sitzt tief. Und die Unsicherheit auch: Eigentlich hatte die DDR-Regierung die Normerhöhung am Vortag sogar schon zurückgenommen. Doch längst geht es den Arbeitern um mehr.

Fred Ebeling, Zeitzeuge
"Es sind ja aus allen Richtungen Demonstranten gekommen, die Forderungen gestellt haben. Das ging  bis hin: Wir wollen die Einheit. Zunächst ging es erst mal um freie Wahlen. Und dann ging es eben auch darum: Wir wollen auch die Einheit."


Ein Jahr zuvor, im Sommer 1952, hatten Ulbricht & Co. einen harten Kurs beschlossen. Bauern wurden zwangskollektiviert und die Steuern für Kleinunternehmer drastisch erhöht. Es gab 20.000 politische Häftlinge, und der Flüchtlingsstrom gen Westen riss nicht ab.

Ulbricht war deshalb Anfang Juni 1953 nach Moskau zitiert worden. Er musste alle Maßnahmen zurück nehmen. Nur die Normerhöhung um 10 Prozent blieb. Das hieß für jeden Arbeiter ein Drittel weniger Lohn. Auch für die Hennigsdorfer Stahlwerker ist damit eine Grenze überschritten. Sie ziehen nach Berlin. Die Demonstrationen laufen bis in die Mittagstunden des 17. Juni friedlich ab. Dann übernehmen die Sowjets das Kommando und die Panzer kommen näher.

Fred Ebeling, Zeitzeuge
"Bedrohlich, alleine schon vom Ton her, das laute Kettengerassel. Sie gaben ja dann auch ein paar Warnschüsse ab. Zwar haben die Sowjets, die oben auf dem Panzer standen, versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Aber das war ja nicht möglich."


Die Stimmung kippt. Nach dem ersten Toten, der unter einen Panzer gerät, macht sich auch Fred Ebeling davon. Am Mittag wird der Ausnahmezustand verhängt. Kein Zug fährt mehr.

Und Fred Ebeling übernachtet wie hunderte mit ihm in der Bahnhofsmission. Früh um 5:30 Uhr wird er geweckt. Die Polizei will seinen Ausweis sehen.

Fred Ebeling, Zeitzeuge
"Und dann wurde ich gefragt: 'Und wo arbeiten Sie? Na, im Stahlwerk? Na, dann kommen sie mal gleich mit.' Sie haben nicht gefragt, ob ich daran teilgenommen hab, sondern gleich mit. Na, dann haben sie uns verladen in Mannschaftswagen und von dort dann hingefahren zum Magerviehhof Friedrichsfelde."


Wie 2.500 andere wird er in den ehemaligen Kuhställen eingesperrt und Nacht für Nacht verhört. Als man ihm keine aktive Rolle nachweisen kann, darf er nach 9 Tagen gehen. Er wird Eisenhüttenkunde studieren und nie vergessen, was er in diesen Junitagen erlebt hat.

Fred Ebeling, Zeitzeuge
"Ich würde sagen mutiger. Also, meine Oppositionshaltung war verstärkt worden. Insgesamt gesehen, wobei man natürlich immer davon ausgehen muss, man hat das nicht so gezeigt, man war auch nicht aktiv oppositionell, weil man genau wusste, da kannst du gar nichts erreichen."


Fred Ebeling richtet sich in der DDR ein, so gut es geht. Er wird nie Mitglied der SED, bekommt für seine Forschungen den Nationalpreis 1. Klasse. Die stille Opposition verlässt er erst, als er 1989 den Demokratischen Aufbruch mitbegründet. Erst da hat er das Gefühl, es könnte was Richtiges werden - mit der Revolution.


Autorin: Marina Farschid