Matthias Lilienthal, ehemaliger Intendant des Berliner Theaters Hebbel am Ufer (HAU) © dpa

Rundgang durch Beirut - Matthias Lilienthals Projekt 'X-Wohnungen'

Nachdem er das Berliner HAU zur wichtigsten freien Theaterbühne Deutschlands gemacht hat, ist Matthias Lilienthal im vergangenen Jahr in den Libanon gezogen, um Kunststudenten zu unterrichten. Mit denen hat er jetzt sein Erfolgsprojekt "X-Wohnungen" inszeniert - in Beirut. 

Wenn Matthias Lilienthal durch Beirut geht, dann ist er immer wieder überrascht, wie herzlich ihm die Menschen begegnen. Beirut ist eine Stadt, die sich die wenigsten ihrer Einwohner leisten können, fast jeder hat mehrere Jobs, um durchzukommen.

Seit mehr als acht Monaten lebt Matthias Lilienthal hier, er hat eine Gastprofessur an der Kunstschule Ashkal Alwan. Mit seinen Studenten bereitet er eine Inszenierung vor, einen Rundgang durch die Wohnungen der Stadt.
 
Matthias Lilienthal, Regisseur und Gastprofessor
"Ich habe immer keinen Bock zu unterrichten. Das finde ich blöd. Und ich habe auch nicht die Vorstellung, dass ich einen reichen Erfahrungsschatz habe, aus dem ich dann Weisheiten machen kann, sondern man hat sich auf Wanderungen durch die Stadt begeben, hat Stadtviertel erkundet."


Monira al Qadiri ist eine seiner Studentinnen. Durch die Stadt gehen, mit Menschen in ihren Wohnungen eine Performance erarbeiten, das hat sie noch nie gemacht. Im armenischen Viertel von Beirut ist sie unterwegs. Vor hundert Jahren kamen die Armenier hierher, sie sind geflohen vor dem Genozid in der Türkei.

Wie ein Eindringling ist sich Monira al Qadiri anfangs vorgekommen. Doch Boghos ist im Viertel bekannt wie kein anderer und hat es ihr leicht gemacht. Er hat es lächelnd hingenommen, dass Monira sein Wohnzimmer mit seinen eigenen Fotos neu tapeziert hat.

Monira al Qadiri, Künstlerin
"Sehr schüchtern und ängstlich bin ich anfangs gewesen. Ich habe mir immer vorgestellt, jemand anders kommt zu mir nach Hause und verwandelt meine Wohnung, dringt in mein Schlafzimmer, meine Küche, mein Wohnzimmer ein. Ich weiß nicht, aber Boghos ist anders, offen."


Meine Wohnung ist klein, aber mein Herz ist groß, erzählt Boghos uns, vormittags arbeitet er als Fischverkäufer, am Nachmittag unterhält er die Menschen im Viertel mit seinen Geschichten. Er ist ein Überlebenskünstler, dem es nichts ausmacht, dass er und seine Wohnung nun Teil einer Inszenierung sind.

Boghos
"Ich sehe ja, dass dieses Projekt nichts Schlechtes ist, deswegen kann jeder kommen. Wenn ich das Gefühl hätte, dass es schlecht sei, könnte man mir noch so viel Geld anbieten, ich würde ablehnen. Aber dieses Projekt macht Spaß. Jedes Bild, dass Monira von mir hier an die Wand geklebt hat, erzählt eine Geschichte. Das hier zum Beispiel, hier bin ich ein kleiner Junge mit kurzen Hosen und diesem Hemd. Ich erinnere mich noch, es war das erste Mal, dass ich es tragen durfte und ich war sehr glücklich."


Beirut ist voller Geschichten und jedes Viertel ist ein eigenes Reich. Noch immer ist Beirut in christliche, sunnitische oder schiitische Bezirke unterteilt. Mohamad Hamdar hat die Orte für das Projekt recherchiert. Ihm ist es wichtig auch Viertel zu zeigen, in dem noch heute die Spuren des Bürgerkriegs zu sehen sind, auch wenn der vor 20 Jahren beendet wurde.

Mohamad Hamdar, "Produzent X-Wohnungen
"
"Wir reden nicht über den Bürgerkrieg, aber wir sollten uns daran erinnern, weil wir auch nicht vergessen dürfen, warum er begonnen hat. Dann nämlich würden wir aufhören, die Anderen anzuklagen. Denn wir sollten uns selber anklagen, wir sind es gewesen, die gegeneinander gekämpft haben, weil der eine dieser und der anderen der Religion angehörte. Wenn wir aber darüber sprechen und die Orte zeigen, dann können wir daraus lernen, dass so etwas nie wieder geschehen darf."


Es geht darum von der Vielfalt der Stadt zu erzählen. So geht es durch verwinkelte Gassen in eine Gegend, in der schiitische Familien leben. Mohamad Hamdar hat auch diese ausgesucht. Vor mehr als 50 Jahren sind sie aus ihren Dörfern im Süden des Landes hierher gekommen. Sie haben kaum genug zu leben, doch sie geben alles, was sie haben - ihre Herzlichkeit und Offenheit.

Mohamad Hamdar, "Produzent X-Wohnungen"
"Diese ganze typische Atmosphäre des Nahen Osten, nämlich diese Gastfreundschaft, dieses Miteinander leben, von Geben und Nehmen, das wollen wir an diesem Ort zeigen. Es ist eine Atmosphäre, die mehr und mehr verloren geht, weil auch hier sich alles mehr und mehr um das Geld dreht. Das ist eine Entwicklung, die ich nicht mag. Und hier an diesem Ort haben wir noch dieses Miteinander leben gefunden, es ist ein Ort, der gar nicht weit entfernt ist von dem ganzen künstlichen Leben im Zentrum der Stadt."


Amira Sohl kommt aus dieser künstlichen Welt. Mit einem Wegweiser in der Hand und einem anderen Besucher an ihrer Seite geht es durch Viertel, in die sie sonst nie einen Fuß setzen würde. In Beirut bewegt sich jeder nur in seiner Gegend, umgibt sich meistens mit seinesgleichen, sagt sie. Amira Sohl arbeitet als Stadtplanerin und doch lernt sie auf dieser Tour neue Viertel kennen und trifft Menschen, denen sie sonst nie begegnet wäre.

Amira Sohl, Stadtplanerin
"Ich denke, dieses Projekt ist eine wunderbare Initiative, die uns selbst Grenzen überwinden lässt. Und dabei geht es um mehr als nur unterschiedliche soziale Klassen, verschiedene Berufe oder Hintergründe. Ich denke, dass ist hier so zielgerichtet, und die Kunst ist ein guter Vermittler. Das ist eine wunderbarer Austausch."


Anfangs wurde Matthias Lilienthal nachgesagt, dass er die Menschen ausstellen würde, doch wer sich auf den Rundgang durch Beirut einlässt, erfährt viel übers Leben, hört unglaubliche Geschichten und spürt eine große Herzlichkeit.


Autorin: Christine Thalmann