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Die Berliner Fotografin Gundula Schulze Eldowy hat einen sicheren Instinkt , der sie zu den Brennpunkten der Zeit führt. Ihre Bilder sind weltbekannt. Jetzt sind erstmals gesammelt ihre Fotografien zu sehen, mit denen alles anfing.
Ein Engel steht im Hinterhof, wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Dabei steht dieser Junge mitten in Berlin, in der Hauptstadt der DDR. Es sind die Achtziger Jahre – und durch die verfallenen Altbauquartiere rund um den Alexanderplatz streift eine junge Fotografin, sie hält fest, was ihr auffällt. Männer wie Lothar zum Beispiel, der als Bote bei der Berliner U-Bahn arbeitet.
Gundula Schulze Eldowy, Fotografin
"Den Lothar, den hab ich so oft an mir vorbeiflitzen sehen, den Boten. Irgendwann hab ich mich ihm in den Weg gestellt und gesagt: Guten Tag, ich bin Fotografin, kann ich mal `n Foto von Ihnen machen?
Ich hab dann bestimmt ein Jahr lang ihn gebeten: Komm doch mal vorbei, hol dir dein Foto ab. Es hat ihn überhaupt nicht interessiert.
Ich glaube ich hatte erwähnt, dass ich gerade mit einer Aktserie beginne, und da ist er gekommen. Und ehe ich mich versah, ich hab sein Bild rausgesucht, da raschelt es hinter mir, und ich dreh mich um, und er steht splitternackt vor mir."
Gundula Schulze Eldowy lebt damals Tür an Tür mit denen, die sie fotografiert: Den Armen, Alten, vermeintlich Asozialen. Als 1972 nach Berlin kommt, ist sie Anfang Zwanzig, eine Fotografiestudentin aus Thüringen. Die alte Berliner Mitte, das sogenannte Scheunenviertel, fasziniert sie: Hier sind die Spuren der Vergangenheit noch allgegenwärtig, an den Fassaden und in den Gesichtern. Gundula Schulze Eldowy kann gar nicht anders, als zu fotografieren.
Gundula Schulze Eldowy, Fotografin
"In erster Linie hat mich diese Verrücktheit und die Freiheit der Menschen dort interessiert. Die waren allein gelassen worden, von allen, verraten und verkauft. Die liebten das Viertel, die wollten da nicht weg. "
Wie Robert, der alte Zeitungen sammelt, um sie billig in den Hinterhöfen zu verkaufen. Oder Margarete, die der jungen Fotografin die Bilder ihrer im Krieg gefallenen Söhne zeigt. Und eines Tages, im Frühjahr 1979, trifft Gundula Schulze diese alte Dame auf einer Bank.
Gundula Schulze Eldowy, Fotografin
"Sie war, als ich mich ihr näherte, vollkommen einsam. Ich hab mich gefragt, wieso ist diese Frau allein? Was ist mit ihr geschehen, dass sie hier alleine sitzt und warum ist sie so verhärmt? "
Die Frau heißt Elsbeth, sie stammt aus einer preußischen Gutsbesitzerfamilie. ihr Mann starb kurz nach dem Krieg, seitdem ist sie allein. Gundula Schulze Eldowy besucht sie fast zehn Jahre lang, begleitet ihr Leben und Sterben.
Es ist ein unwiderstehlicher Sog, der von diesen Fotos ausgeht: Wie durch ein Fenster blicken wir durch sie in die Vergangenheit: Sehen Menschen, die nicht mehr leben, Straßen, die nicht mehr dieselben sind. Wir sehen, wie Zeit vergeht, und alles mit nimmt. Dass sie nun erstmals gesammelt als Bildband erscheinen, ist ein großes Glück. Zur Zeit ihrer Entstehung, in der DDR, war an Veröffentlichung nicht zu denken.
Gundula Schulze Eldowy, Fotografin
"Das war wie ein Pulverfass! Ich hab ja deren Selbstbildnis untergraben. Die waren ja der Meinung, in einem sozialistischen Paradies zu leben, in dem es keine sozialen Probleme mehr gibt, alle sozialen Probleme waren gelöst."
Wo sie damals fotografierte, treffen sich heute die Kreativen zum Lunch. Die Fotografin ist hier nur noch Gast, sie lebt jetzt in Peru, der Liebe wegen. Ihre Fotos entstanden aus Nähe, Vertrautheit – das macht sie so besonders. Sie hat viel von sich gegeben und viel dafür bekommen. Manchmal sogar – wie von Horst, dem sie ein nachträgliches Hochzeitsbild schenkte – ein Lied...
Autorin: Tim Evers
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_06_10/gundula_schulze_eldowy.html