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Mehr als 100 Jahre lang lagen Schädel und Knochen ihrer Ahnen in den Archiven der Berliner Charité. Jetzt war eine hochrangige namibische Delegation in Berlin, um die Schädel zurückzuholen – und die Deutschen mir ihrer kolonialen Vergangenheit zu konfrontieren. Dieser Beitrag liegt aus rechtlichen Gründen nicht als Video vor.
Es ist sein letzter Gang am Ende eines bewegenden Berlin-Besuchs. Kautituure Kaura besucht den Garnisonsfriedhof Neukölln, gemeinsam mit einer Gruppe namibischer Herero und Nama. Kaura ist wie die meisten von ihnen ein Nachfahre jener wenigen Hereros, die der Ermordung durch deutsche Kolonialtruppen entgingen. An die zehntausende Opfer erinnert hier eine versteckte Gedenktafel.
Das Wort Völkermord fehlt allerdings - das untersagte die Bundesregierung dem Bezirk Neukölln.
Kautituure Kaura, Herero-Nachfahre
"Es sollte dort stehen, dass damals ein Völkermord stattgefunden hat, damit jeder, der nach Namibia kommt, darauf vorbereitet wird. Dass die deutsche Regierung das unter den Tisch zu kehren versucht, als ob nichts geschehen wäre, ist extrem misslich."
1904 lässt Kaiser Wilhelm II. seine Kolonialtruppen ausrücken, um aufständische Hereros in der Kolonie zurückzuschlagen. Er setzt den als gnadenlos bekannten General Lothar von Trotha ein. Dessen berüchtigter "Vernichtungsbefehl" sieht vor, die Ureinwohner in die Wüste zu treiben, verdursten zu lassen oder zu erschießen. Zehntausende kommen ums Leben oder werden in, wie es schon damals heißt, "Konzentrationslagern" zusammengepfercht.
Joachim Zeller, Historiker
"Wer sich die UN-Völkermord-Konvention von 1948 anschaut und die entsprechenden Kriterien heranzieht, der kann man nicht umhin, 1904 bis 1907 von einem Völkermord zu sprechen."
Ein weiterer perfider Befehl: die Köpfe der Toten ins Deutsche Reich zu schicken - für rassenmedizinische Studien. Etwa 3.000 liegen noch heute verstreut in deutschen Instituten, auch in der Berliner Charité. Da die Bundesregierung für ihre Untersuchung kein Geld gibt, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Projekt ins Leben gerufen, durch das nun alle Schädel auf ihre Herkunft und Geschichte hin analysiert werden können. Erstmals gibt die Charité nun zwanzig solcher untersuchten Schädel an die Herero und Nama zurück. Für die Nachfahren ein erster wichtiger Schritt zur Versöhnung.
Johanna Kahatjipara, Herero-Nachfahrin
"Der Onkel meiner Oma ist auch enthauptet worden. Und hier habe ich noch einen Pass, den meine Oma im Gefängnis getragen hat. Meine eigene Oma war auch im Konzentrationslager. Wir erwarten eines: Entschuldigung."
Was die Bundesregierung hartnäckig verweigert, führt die Charité an diesem Nachmittag vorbildlich vor: Sie entschuldigt sich.
Karl Max Einhäupl, Vorstand Charité Berlin
"Warum die Entschuldigung kam: Das war einfach dadurch bedingt, dass wir als Wissenschaftler auch Schuld auf uns geladen haben, wenn wir im Rahmen von Wissenschaft, also de facto in der Vorbereitung von rassistischen Tendenzen in Deutschland solche Schädel untersucht haben, letztendlich um Beweise zu führen, die uns aus heutiger Sicht völlig absurd vorkommen."
Die Herero und Nama sind aufgewühlt: So sehr sie die Rückgabe der Gebeine bewegt, so sehr empört es sie, dass Deutschland von offizieller Seite nach wie vor keinen Dialog mit ihnen sucht. Aus Angst vor möglichen Entschädigungsforderungen. Auch Staatsministerin Cornelia Pieper drückt sich um eine Entschuldigung herum.
Es gibt Tumulte. Denn die hohen Entwicklungshilfezahlungen, auf die sich die deutsche Regierung beruft, helfen den Hereros nicht. Sie sind in Namibia eine Minderheit. Arm und besitzlos. Die Staatsministerin flüchtet.
Kautituure Kaura, Herero-Nachfahre
"Können Sie sich das vorstellen: Wie sollen Menschen, die nichts haben, etwas von dem Land zurückkaufen, das noch heute den Nachfahren jener Deutschen gehört, die unser Volk zerstört haben? Deshalb benötigen wir Entschädigungen. Wir leiden noch heute an den Folgen des Völkermords, der damals begangen wurde."
Namibia ist nach wie vor von der brutalen Kolonialgeschichte geprägt. Aus dem deutschen Bewusstsein sind die Verbrechen an den Ureinwohnern völlig verschwunden. Bis zu 100.000 Menschen sollen damals ermordet worden sein. Die Herero und Nama fragen zu Recht, warum Deutschland dieses Leid nicht anerkennt.
Endlich wahrgenommen zu werden, das ist für die Nachfahren das Wichtigste. Erst dann kommen mögliche Entschädigungsfragen.
Joachim Zeller, Historiker
"Ich denke, es geht dabei nicht um Milliarden. Ich glaube, das ist nicht der Punkt. Die Reparationen können auch auf anderer Ebene laufen. Die haben natürlich auch eine pekuniäre Seite, aber ich denke, es ist etwas Anderes, was von den Herero und Nama erwartet und eingefordert wird. Und wenn ich Herero oder Nama wäre, würde ich das auch einfordern."
Es wird höchste Zeit, dass die Bundesregierung es der Charité gleich tut - und mit ihrer beschämenden Versteckspielrhetorik Schluss macht. Deutschland muss sich zum Völkermord an den Herero und Nama bekennen und den Nachfahren die Hand reichen.
Autor: Norbert Kron
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_06_10/hereros.html