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Die Schorfheide nördlich von Berlin, ist nicht nur eines der größten Jagdgebiete Europas, sondern auch das berühmteste. Weil hier, wie uns ein neues Buch zeigt, die Jagd auch immer großes Politiktheater war.
Seit Jahrhunderten wird hier zur Jagd geblasen: Die Schorfheide in Brandenburg. Das idyllische Jagdgebiet mit dem legendären Wildreichtum war immer schon das Revier der Mächtigen, von den Kurfürsten bis zur den Kommunisten. In der Schorfheide ging es um mehr, als nur um die Pflege des Wildbestands.
Burghard Ciesla, Zeithistoriker
"Das Bild der Jagd hat sich eigentlich umgezeichnet, das heißt also, es wurde zur Jagd der hohen Herrschaften, also Jagd als Privileg, als etwas Besonderes, man sagt ja auch nicht umsonst - Jagd als die vornehmste Art der Bestechung."
Hermann Göring inszenierte die Verbindung von Jagd und Macht wie kein anderer. Sein "Waldhof Carinhall" am Großen Döllnsee war ein prunkvolles Anwesen, auf dem in den 30er Jahren Diplomaten aus aller Welt ein und aus gingen. Hier in der Schorfheide empfing der Reichsluftfahrtminister sogar den italienischen Diktator Mussolini. Hier baute der leidenschaftliche Jäger seiner verstorbenen Frau Carin ein Mausoleum. Er gerierte sich wie ein Imperator, der liebevoll Löwen aufzieht.
Burghard Ciesla, Zeithistoriker
"Der Göring der ja immer vom deutschen Wald, vom deutschen Wild und vom deutschen
Brauchtum und allem möglichen, also alles musste ja irgendwie deutsch sein. Ich fand sehr
faszinierend, dass er in der Schorfheide so etwas wie einen amerikanischen Nationalpark sah."
Um seinen unersättlichen Jagdtrieb zu befriedigen, ließ er im "Ur-Wald" Schorfheide fast ausgestorbene Tierarten, wie Wisente und Elche ansiedeln.
Original-Ton Wochenschau
"Überwiegend aus Tiergärten wurde Zuchtmaterial in die Schorfheide überführt, voran der
Wisentstier Ivan, die Hoffnung der Zucht."
Ivan wurde am Ende des Krieges angeblich von einem Rotarmisten mit einer Kalaschnikow erlegt. Es gab Gulasch.
Schon die Hohenzollern nutzen die Schorfheide zur Selbstdarstellung. Kaiser Wilhelm fuhr als erster mit dem Automobil vor, er machte die Jagd zu einem Wettkampf um Trophäen. Im Alter von 39 Jahren hatte seine Majestät bereits den eintausendsten Hirsch geschossen. Nach den Hofjagden liebte er das Abschreiten der Strecke.
Eine Ausnahme unter den Jägern ist der Sozialdemokrat Otto Braun, preußischer Ministerpräsident in der Weimarer Republik. Der einzige Demokrat zwischen Monarchen und Diktatoren. Von Reichspräsident Hindenburg trennten ihn politisch Welten, aber die Jagd half auch hier beim "Brücken bauen".
Helmut Suter, Jagdhistoriker
"Bei seinem Antrittsbesuch, Protokoll wartet schon, Donnerwetter, 20 Minuten sind um, der müste doch schon langsam rauskommen und es dauert und es dauert und Braun kommt dann raus und Hindenburg wird gefragt, was machen sie denn mit dem Braun so lang. Ja, der Mann ist doch ganz passabel. Ja über was haben sie sich denn unterhalten, Herr Reichspräsident. Na, über die Jagd."
Von Hindenburg war es bekanntlich nicht weit bis zum Dritten Reich und zum zweiten Weltkrieg. Nach der Befreiung lag das legendäre Jagdgebiet im sozialistischen Teil Deutschlands. Doch SED-Chef Walter Ulbricht hatte wenig Interesse am Jagen.
Erich Honecker immerhin schloss bald eine Jagdfreundschaft mit Leonid Breschnew
Burghard Ciesla, Zeithistoriker
"Zwischen Honecker und Breschnew ist durchaus in der zweiten Hälfte der 60er Jahre ne ganze Menge über die Jagd gelaufen, wo man gesagt hat: 'Da pass mal auf' und 'wir haben gehört und wie denkt ihr'".
Helmut Suter, Jagdhistoriker
"Und wo kann man das am Besten besprechen, wenn nicht bei der Jagd wo man allein ist. Da ist keiner dabei, auch die Sicherheitsbeamten halten Abstand."
Auch jenseits von Jagdgesprächen wurde in der Schorfheide Geschichte geschrieben. Das zeigt eine Geheimoperation des sowjetischen Staatschefs Chruschtschow. Nach der Berlin-Krise ließ er, ohne die SED-Führung zu informieren, in der Schorfheide die ersten Atomraketen außerhalb der Sowjetunion stationieren. Eine heikle Situation, die auch hätte eskalieren können.
Burghard Ciesla, Zeithistoriker
"Ich würde sagen im Mai 1959 waren die Raketen mit atomaren Sprengköpfen ausgerichtet auf London, Paris, Nato-Zentren und andere Städte in Deutschland, Bundesrepublik, und ja, man kann sagen die Kuba Krise nahm ihren Anfang in der Schorfheide - zugespitzt natürlich."
Und im Jagschloss Hubertusstock gaben sich schließlich nach der deutsch-deutschen Annäherung die Politiker der Bundesrepublik die Klinke in die Hand. Strauß fädelte hier den Milliardenkredit für die DDR ein. Auch Oskar Lafontaine fühlte sich wohl im Jagdschloss.
Helmut Suter, Jagdhistoriker
"Erich Honecker wird am 17. Oktober wird er durchs Politbüro abberufen, am 18. öffentlich nachher und dann, am 19. fährt er raus und legt erst mal zwei Hirsche um, um sich vielleicht ein bisschen zu entspannen."
Diese "Entspannungsmaßnahme" ist aktenkundig. Und es ist der vorläufig letzte Akt im Polittheater des Jagdreviers Schorfheide.
Honecker Szene frei stehen lassen
"Die Staatsjagd ist beendet"
Autor: Sascha Hilpert
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_08_12/jagd_und_macht.html