rbb Fernsehen

rbbonline | Archiv

STILBRUCH
STILBRUCH

Do 08.12.11 22:15

Band-Porträt

Pankow

Die Geschichte der Band Pankow spiegelt die Zerrissenheit des Lebens in der DDR, eine Geschichte, in der es um Freundschaft geht – und um Verrat: Zu ihrem 30-jährigen Bühnenjubiläum stehen sie jetzt wieder gemeinsam auf der Bühne.

Die Mauer steht noch, als am 1. August 1989 im Berliner Westen einmaliger Besuch ansteht: Die Bigband der Sowjetarmee aus Wünsdorf kommt gemeinsam mit der Ostband Pankow zu einem Konzert in den großen SFB Sendesaal. Die "Stones des Ostens" werden gefeiert, alte Feindbilder bröckeln.

André Herzberg, Sänger, Pankow
"Aber es war natürlich ungewöhnlich, dass die Russen in die westlichen Zonen rein und ich weiß nicht, was es für spezielle Gesetze gab, also es war unglaublich aufregend."

Jürgen Ehle, Gitarrist, Pankow
"Um ehrlich zu sein, für uns war es selber ein kleines Wunder, wir haben nicht sofort daran geglaubt, dass das klappt. Ja, aber wie das Schicksal es so wollte, es hat funktioniert."

Der Gitarist Jürgen Ehle und Sänger Andre Herzberg sind die Frontmänner der 1981 gegründeten Rockband aus Pankow.

Anfang der 80er werden sie mit ihren schrillen Shows schnell bekannt. Das von ihnen geschriebene Rockspektakel "Paule Panke" zeigt den Stumpfsinn des sozialistischen Alltags. "Paule Panke" wird als Angriff gegen die Ausbildungsmoral der DDR verstanden und darf weder im Fernsehen, noch im Radio gespielt werden.

André Herzberg, Sänger, Pankow
"Wieso kann das sein, dass da jemand sich dauernd über seinen Alltag beschwert."

Jürgen Ehle, Gitarrist, Pankow
"Ich glaube, dass es auch neu war, dass so etwas in der Populärkultur vorkam. Weil in der Literatur gab`s so Figuren wie Edgar Wibeau oder so. Aber in der Rockmusik nicht."

Pankow stellen sich auf der Seite ihrer Fans und geben sich rebellisch gegen "die da oben". Trotzdem machen sie Karriere: Ss gibt Plattenverträge und sie dürfen in den Westen reisen. Gleich bei der ersten großen Tour in Westdeutschland setzt sich Schlagzeuger Frank Hille ab. Jetzt werden die Kontrollen schärfer - auch bei den Texten.

Jürgen Ehle, Gitarrist, Pankow
"Ich habe da so ein Lieblingsbeispiel. Das ist das Lied 'Nebel'. Da drin geht es um so einen Seelenzustand, ich blicke hier nicht mehr durch. Alles ist so gedämpft, ich höre zwar Leute reden, weiß nicht wo die sind. Ich weiß auch nicht so genau, wo ich langgehe. Und das ist wie gesagt ein Ausdruck für eine Verfasstheit, für so einen Seelenzustand. Und ich musste im Lektorrat die lange davon überzeugen, dass es nicht um Umweltverschmutzung geht."

Die Jugend liebt Pankow. 1988 erreichen sie den Gipfel ihrer Karriere. Studenten der Filmhochschule Babelsberg drehen mit Pankow das erste professionelle Musikvideo der DDR.

Kurz nach dem Konzert mit der Sowjet-Big Band in Westberlin sind Pankow ausgebrannt und die DDR am Ende. Ehle und Herzberg trennen sich und versuchen sich allein im gesamtdeutschen Musikgeschäft.

André Herzberg, Sänger, Pankow
"Das Land war ja, gab`s ja nicht mehr. Auch die Strukturen gab es nicht mehr. Es gab keine Plattenfirmen mehr. Es gab keine Läden mehr, wo man spielen konnte und so. Natürlich war es eine wahnsinnige Einschränkung."

Mitte der 90er der Schock: André Herzberg liest in seiner Stasiakte, dass sein Freund Jürgen Ehle mit der Mielke-Behörde zusammen gearbeitet hat. Ehle schreibt Lageberichte aus der Rockszene und intime Mitteilungen über die Bandmitglieder. Die Geschichte von der Rebellenband Pankow muss neu geschrieben werden.

André Herzberg, Sänger, Pankow
"Es war sehr, sehr schmerzhaft, weil wir auch gerade erst wieder zusammen beschlossen hatten, zusammenzuarbeiten. Und ich glaube, von heute aus gesehen, kann ich es inzwischen besser einordnen. Was es war, im Zusammenhang mit den großen Dingen. Was die DDR überhaupt war und wie diese Diktatur diese Leute benutzt und eingesetzt hat."

Jürgen Ehle schweigt heute darüber, er hat alles gesagt, was zu sagen war und André Herzberg hat seinen Frieden mit ihm gemacht. Es muss ja weitergehen. Sie stehen wieder zusammen auf den Bühnen und singen neue und alte Lieder. Die Fans im Osten sind ihnen treu geblieben. Vielleicht erinnern sie Pankow daran wie aufregend und wie unübersichtlich ihr Leben in der DDR war.


Autor: Hans Sparschuh

Dieser Text gibt den Sachstand vom 08.12.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

30 Jahre Pankow

15.12.2011, 20 Uhr

Postbahnhof am Ostbahnhof
Straße der Pariser Kommune 3-10
10243 Berlin-Friedrichshain

Eintritt: 26 Euro

[fritzclub.com]

Neue CDs

CD:
Pankow
"Neuer Tag in Pankow"
Label: Buschfunk
ASIN: B005TOTTA4
VÖ: 04.11.2011

Doppel CD:
Pankow
"In Aufruhr" – Die Anthologie
Label: Smc (Sony Music)
ASIN: B005FI6IYE
VÖ: 07.10.2011

[electrocadero.de]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_08_12/pankow.html

Fenster schließen!