rbb Fernsehen

rbbonline | Archiv

STILBRUCH
STILBRUCH

Do 10.11.11 22:15

Lesung

Moby Dick Revisited No. 2

Ein einbeiniger Käptn jagt einen weißen Pottwal. Daraus machte der amerikanische Schriftsteller Hermann Melvilles Weltliteratur. Vor 160 Jahren wurde sein Roman „Moby Dick“ veröffentlicht – und deswegen schmeißt die Berliner Volksbühne jetzt einen multimedialen Moby-Dick-Geburtstagskongress.

Der Kampf mit dem Wal kann beginnen. Die kongeniale Verfilmung von John Huston, in der Gregory Peck den Käpt`n Ahab gibt, ist legendär. Der Weiße Wal ist ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Jedes Kind kennt die Geschichte vom angsteinflößenden Kapitän der Pequod, dem ein Riesen-Wal ein Bein abriss und der diesen nun über die Weltmeere jagt – voller Rache. Moby Dick, der Mythos.

Joseph Vogl, Kulturwissenschaftler
"Er löst einen gewissen Schauder aus, er löst sogar Horror aus in einer gewissen Weise, durch sein Verhalten durch die weiße Farbe, ja wie soll man sagen, durch seine Ungestalt, durch seine monströse Ungestalt und dieses Monströse und dieses Ungestaltige kehrt irgendwo in Ahab selbst wieder."

Melvilles Roman wirft die Frage auf: Gibt es eine gerechte Gewalt? Der Film von John Huston zeigt durch eine Kette staunender Gesichter, wie die Schiffsmannschaft von Ahabs Besessenheit angesteckt wird. Die Truppe fällt fast gegen ihren Willen in den Bann Ahabs.

Joseph Vogl, Kulturwissenschaftler
"Es wird glaub ich schon beschrieben, sowohl von dem Erzähler, als auch von anderen Figuren, wie von Ahab ein Funke gewissermaßen überschlägt, selbst der Film stellt das noch dar, dass also entscheidende Szenen im Gewitter stattfinden, dass es Elmsfeuer gibt, dass gewissermaßen Leute elektrisiert werden durch diese Figur Ahab. Elektrisierung, Ansteckung, der Übersprung von Funken, all diese sozusagen Kontakt-Phänomene sind glaube ich für diese Form der Herrschaft ganz wichtig."

Denn Ahabs Herrschaft auf Deck steht beispielhaft für ein autoritäres Führeregime. Im Streit mit dem ersten Steuermann Starbuck zieht ein Elmsfeuer, ein Blitz symbolisch alle auf Ahabs Seite. Mit grün glühenden Schiffsmasten setzt der Film diesen Furor um.

Joseph Vogl, Kulturwissenschaftler
"Zunächst einmal kann man sagen, dass es tatsächlich eine Obsession gibt, das es etwas Besessenes gibt und d.h. also auch eine gewisse Triebhaftigkeit in der Verfolgung des Wals."

Der Roman beschreibt symbolisch ein krankes, politisches System der Rache. Mit einem kranken, aber charismatischen Führer. Diese Deutung von Moby Dick inspirierte sogar die RAF. Die Terroristen suchten sich Decknamen aus der Schiffsmannschaft: Kapitän Ahab – Andreas Baader, Starbuck – Holger Meins, Smutje, den Koch wählte Gudrun Ensslin für sich selbst.

Der Autor von Moby Dick Hermann Melville, 1819 geboren, war selbst drei Jahre als Walfänger zur See gefahren. In dieser Farm in Massachusetts schrieb er schließlich seinen großen Roman. Der Erfolg blieb aus und Melville zog verschuldet nach New York. Er wurde Beamter - ein Zollinspektor am Überseehafen.

Axel Wandke, Schauspieler liest aus Mobby Dick
"Als der Wal auf den tiefsten Gebeinen des Weltmeeres den Grund berührte, selbst dann noch hörte Gott den verschlungenen, reumütigen Propheten, als der er zu ihm schrie. Da sprach der Herr zum Fisch und aus des Meeres schwarzer Schauder-Kälte schoss der Wal empor, der warmen und heiteren Sonne entgegen und all den Freuden von Luft und Erde und er spie Jona aus ans Land."

Die Volksbühne veranstaltet nun eine große Hommage an das prominenteste Tier der Weltliteratur. Der Erfinder des Wal-Abends hat Moby Dick schon als Kind verschlungen.

Henning Nass, Dramaturg der Volksbühne
"Da gibt’s ja so einen berühmten Kinderroman, der dann nur die dramaturgische Ebene des Walfangs erzählt, junger Mann zieht auf See und trifft den bösen Käptn Ahab und alle sterben und er überlebt, das hab ich dann tatsächlich als Kind gelesen, aber mein Erweckungserlebnis war dieser Film von John Husten mit Gregory Peck."

Mit der filmischen Dada-Aktion des Schauspielers Mex Schlüpfer wird auch Gregory Peck gehuldigt: In der Maske vom Film-Ahab jagte er im Sommer Moby Dick in Berliner Gewässern. In John Hustons großer Verfilmung erleben wir bildmächtig die Wal-Werdung Ahabs.

Das ist das Grauen. Das ist zeitlose Kunst. Es gibt also einen Schrecken in der Welt, der liegt nicht in der Anhäufung, sondern im langsamen Verschwinden von Merkmalen und dafür steht der Wal ein. Moby Dick. Das ist das Grauen: Das Monströse besteht nicht in der Anhäufung schrecklicher Merkmale, sondern im langsamen Verschwinden von Konturen und Bestimmungen.

Autor: Sascha Hilpert

Dieser Text gibt den Sachstand vom 10.11.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Lesung: Moby Dick Revisited No.2

Akustische Expetition und Grundlagenforschung zum 160. Geburtstag des Romans
Volksbühne, 19.11.2011 20 Uhr Großes Haus
Linienstraße 227
10178 Berlin
Eintritt: 16,- €

[volksbühne.de]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_10_11/moby_dick_revisited.html

Fenster schließen!