Sie sind hier:
rbbonline | Archiv

Am kommenden Sonntag tritt Wolf Biermann im Berliner Ensemble auf. Nicht nur, weil er demnächst seinen 75. Geburtstag feiert – sondern weil es am 13. November exakt 35 Jahre her sein wird, dass er sein legendäres Konzert in der Kölner Sporthalle gab. Zu seinem 75. Geburtstag, macht Wolf Biermann für uns jetzt seine Schatzkiste auf, wie er das nennt - mit seinen Lieblingsliedern.
Wolf Biermann, Liedermacher
"Ich habe den Streit eigentlich nie gesucht, ich wollte nicht verboten werden. Ich wollte gerne bewundert werden. Ich bin auf komische Weise in diese Heldenrolle als Drachentöter reingekommen. Ich war immer in den verschiedenen Phasen meines Lebens auf dem höchsten Stand meiner Unwissenheit. Auf jeden Fall habe ich die Wahrheit nie gewusst. Wer weiß die schon. Aber wahrhaftig war ich immer."
Wolf Biermann - ein streitbarer, umstrittener Mensch. Hassfigur und Held. Jetzt wird er 75. Als er sechseinhalb ist, überlebt er mit seiner Mutter den Feuersturm in Hamburg. Mit 17 geht er in die DDR. Er will am Aufbau des Kommunismus mitarbeiten, kritisiert dabei aber auch den Staat. Seine Lieder werden verboten. Als Bühne bleibt ihm nur die Wohnung in der Chausseestraße. Freunde schleusen seine Musik in den Westen.
Wolf Biermann, Liedermacher
"Das war das Paradoxe in meiner Situation. Der isolierte kleine Biermann da in seiner Wohnung ist der am wenigsten isolierte Mensch in Ost-Berlin."
Nach 12 Jahren Auftrittsverbot darf Wolf Biermann in den Westen reisen – und gibt ein aufsehenerregendes Konzert in Köln. Danach bürgert die DDR den unbequemen Liedermacher aus. Intellektuelle im Osten protestieren. Für viele ist es der Anfang vom Ende des SED-Systems. Biermann geht zurück nach Hamburg, aber fasst nur schwer Fuß im anderen Teil Deutschlands.
Wolf Biermann, Liedermacher
"Schreiben ist schreiben, das ist im Osten wie im Westen. Nur mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass ich im Westen überhaupt nichts mitzuteilen hatte. Ich war doch westdumm, ich hatte überhaupt keine Ahnung. Und ich hatte ja in der DDR wohlgemerkt, als ich dort lebte, das gesagt, was ich denke und fühle in Gedichten und Liedern."
In all den Jahren begleiten Wolf Biermann nicht nur seine eigenen Lieder. Er sammelt Texte aus aller Welt, übersetzt sie ins Deutsche. Jetzt öffnet er seine Schatzkiste mit revolutionären Liedern aus Südamerika, Poesie aus Skandinavien oder einem russischen Liebeslied. „Menschenlieder“ nennt Wolf Biermann die im Buch gesammelten Lieder. Weil sie vom Leben und der Liebe erzählen – oder von der Sehnsucht nach dem Tod.
Wolf Biermann, Liedermacher
"Grauer Vogel von Nils Ferlin: Nicht mal einen kleinen grauen Vogel. Der fröhlich am Singen ist. Gibt es drüben in der anderen Welt. Mein Freund, und das
Find ich dumm und trist. Nicht mal einen kleinen grauen Vogel. Und nie keine Birke am Feld. Und doch, am allerschönsten. Mittsommertag hatt’ ich
Sehnsucht nach jener Welt..
Und weil das ein Lied ist habe ich auch die Noten da rein geschrieben. Dann kann das einer mit der Gitarre mit den Harmonien schön seiner Frau vorsingen."
Mit 75 wird scheinbar auch ein wilder Wolf langsam zahm.
Wolf Biermann, Liedermacher
"Das gefällt mir!"
Autorin: Birgit Wolske
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_10_11/wolf_biermanns_75.html